Zusammen geht besser, als allein: Ein Bürgermeister mit Visionen

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Werner Klöckner ist Visionär und ein Mann mit greifbaren Zielen. Und er ist der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Daun. Obwohl er aus dem vorderen Westerwald stammt, fühlt er sich mit der Eifel und ihren Bewohnern verbunden. Es mag daran liegen, dass die Menschen beider Regionen die Fähigkeiten des Einzelnen für die Gemeinschaft zu schätzen wissen. Zusammen geht halt besser, als allein. Oder auch daran, dass die Menschen beider Regionen zufrieden mit dem sind, was der Boden hergibt. Beide Eigenschaften sind tragend für die Visionen, die Werner Klöckner für die Daun hat. Denn seine Absicht ist, im Jahr 2030 in einer gesunden Gemeinde zu leben. Was das heißt und mit sich bringt, hat er Endlich Eifel gegenüber im Interview erzählt. 

Berufswunsch: Bürgermeister in der Eifel 

Sie kommen ursprünglich aus dem Westerwald. Wie sind Sie zum Bürgermeister von Daun geworden? 

In meiner alten Heimat – dem vorderen Westerwald – habe ich sehr früh Verantwortung übernommen und die Arbeit, insbesondere in kommunalen Gremien, kennen und schätzen gelernt. Zuletzt war ich Ortsbürgermeister meiner Heimatgemeinde Breitscheid/Verbandsgemeinde Rengsdorf-Waldbreitbach. 1992 nahm ich dann mein Amt als Erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde Daun an und zog 1993 mit meiner Familie in die Eifel.

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Nach und nach stellte sich in der Kommunalpolitik die Frage, wer der Nachfolger des damaligen Amtsinhabers Adolf Waldorf werden könne. Die Rahmenbedingungen blieben einige Zeit unklar: Kann der Verbandsgemeinderat wählen, so wie vorher auch, oder ist bis dahin die Ur- oder Direktwahl vorgegeben, bei der anstatt der Partei die Person gewählt wird und damit etwas vollkommen Neues darstellte? Es stellte sich dann über einen Erfahrungszeitraum heraus, dass die Verantwortlichen mir eine erfolgreiche Urwahl zutrauten; obwohl ich “neu” und noch recht jung war. Ich traute mir dies auch zu! So wurde ich im Frühjahr 1994 mit gerade mal 35 Jahren, trotz zwei Gegenkandidaten, zum Bürgermeister direkt gewählt. Damals war ich der jüngste direkt gewählte Bürgermeister in Rheinland-Pfalz. Für mich ging damit sehr früh ein Berufswunsch in Erfüllung: Bürgermeister in einer Verbandsgemeinde der Eifel zu werden.

Vulkaneifel in der Aufbauphase

Wie sah es 1994 in der Eifel aus? Hatten Sie bereits damals Ideen, Veränderungsprozesse einzuleiten?

Ja, aber in einer anderen Form. Mitte der 1990er Jahre war die Vulkaneifel noch in der Aufbauphase: Parallel mit einer wachsenden Bevölkerungszahl ging es darum, die Daseinsvorsorge infrastrukturell vollständig zu gewährleisten. Noch bis Mitte des folgenden Jahrzehnts standen Themen wie Abwasserbeseitigung, Wasserversorgung, Straßenausbau, Radwege, Schulerweiterungen, neue Kindergärten, Neubaugebiete, Gewerbe- und Industriegebiete im Vordergrund… Es wurde mächtig investiert. Man hatte den Eindruck, dass es immer so weiter geht.

Doch irgendwann änderte sich etwas. Wann haben Sie gemerkt, dass die Zeit reif ist, in Daun einen anderen Kurs einzuschlagen? Was gab den ersten Ausschlag?

Es gab nicht den Ausschlag, den Impuls! Ich glaube, ab 2005 ging unsere Einwohnerzahl zurück. Ich habe es gesehen, aber mehr oder weniger nur zur Kenntnis genommen. Das galt auch für die Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes aus dem Jahre 2006, die einen Rückgang für meine Verbandsgemeinde bis 2020 um 6,2 % einschätzte. Ende 2007/Anfang 2008 beunruhigte mich die Entwicklung. Dies ging damit einher, dass es zunehmend Literatur und Veranstaltungen rund um das Thema ländliche Entwicklung gab. Ich hatte also einen längeren Erkenntnisprozess.

Ländliche Entwicklung

Was schlussfolgerten Sie daraus für die Verbandsgemeinde Daun?

In diesem längeren Erkenntnisprozess wuchs parallel die Einschätzung, dass auf uns etwas zukommt, was es so in unsere Zeit noch nie gab. Wenn es galt, etwas noch nie da Gewesenes zu bewältigen, so war ich der Überzeugung, dass man dies auch nicht mit herkömmlichen, erfahrenen Herangehensweisen erreichen kann. Auch war ich der Überzeugung, die Bewältigung des demografischen Wandels ist nicht in wenigen Jahren und mit “harten” Investitionen zu erreichen, sondern dass es eine langfristige Aufgabe ist, in der weniger in Beton, sondern in Köpfe investiert werden muss. Das bedeutet, es bedarf eines langfristigen Veränderungsprozesses. Aber wie gestalten? Dazu viel mir Ende 2008 das Buch “Das Pinguinprinzip” von John Kotter und Holger Rathgeber in die Finger. Ich war direkt der Überzeugung, dass Change Management nach John Kotter die richtige Vorgehensweise sein wird. Adressaten sind alle Bürgerinnen und Bürger der Verbandsgemeinde Daun. Es entstand der WEGE- Prozess der 2010 startete. WEGE steht für Wandel erfolgreich gestalten. 

Ein langfristiger Veränderungsprozess

Zukunftskonferenz in Dreis-Brück, April 2017. (Foto: WEGE-Büro der Verbandsgemeindeverwaltung Daun)

Was genau ist das Ziel vom WEGE Prozess ? 

Es gibt nicht das Ziel. Ein Ziel – vermutlich das Bedeutsamste – ist, dass in 2030 die Vision der gesunden Verbandsgemeinde Daun Realität geworden ist. Ziel ist aber auch, dass die Bürgerinnen und Bürger dann glückliche Schmiede der eigenen und gemeinsamen Zukunft sind. Wir wollen damit die Region der Zukunft sein.

Was genau verstehen Sie unter einer gesunden Verbandsgemeinde?

Die Vision der gesunden Verbandsgemeinde bedeutet, dass im Jahre 2030 das Leben, Wohnen und Arbeiten in der Verbandsgemeinde Daun mit dem Thema Gesundheit wie mit einem roten Faden durchdrungen sein soll. Dabei wird Gesundheit ganzheitlich gesehen: physisch, geistig, seelisch, sozial und ökologisch. Es sind auch diejenigen im Blick, die alters- oder krankheitsbedingte Einschränkungen haben.

Lohnendes Engagement

Sie sprechen davon, dass im WEGE-PROZESS die Bürgerinnen und Bürger von Daun die glücklichen Schmiede ihrer eigenen Zukunft seien. Doch wie haben Sie die Menschen Ihrer Gemeinde erreicht, um sich gemeinsam mit Ihnen für ein gesundes Daun einzusetzen?

Der WEGE-Prozess ist maßgeblich ein Bewusstseinsbildungsprozess, dessen Adressaten die Bürgerinnen und Bürger sind. Die Bewusstseinsbildung erfolgt vorwiegend auf der Grundlage einer Kommunikationsstrategie. Die Kommunikationsstrategie beinhaltet einen Strauß von Formaten. Hierzu gehören auch sogenannte AusWEGE-Veranstaltungen, AusWEGE-Exkursionen, Newsletter, regelmäßige Veröffentlichungen und vieles mehr. Ziel ist, dass die Menschen “ihr Thema” finden. Etwas, dass sich für sie lohnt, sich zu engagieren. Das wird am ehesten dann erreicht, wenn die Gefühle der Menschen angesprochen werden (Gerald Hüther sagt: “Und zwar in einer Art und Weise, dass es unter die Haut geht.”). Sie werden dadurch zu einem veränderten Denken und zu anderem oder neuem Handeln veranlasst.

Wie sieht Ihr persönlicher WEGE-Prozess aus? Gab es auch für Sie als Bürgermeister Situationen, wo Sie umdenken mussten? 

Natürlich musste auch ich umdenken. Auch für mich galt und gilt, dass herkömmliche, erfahrene Herangehensweisen nicht ausreichend sind, um eine Veränderung herbeizuführen. Mir wurde damals klar, dass auch ich mich in mehrfacher Hinsicht verändern muss. Dies bezog sich zum Beispiel auf bestimmte Kompetenzen. Es kam mir dabei sehr zugute, dass ich 2009 der Themenzentrierten Interaktion (TZI) begegnete. Bei der TZI geht es um Haltung und Methode, um sich selbst und Gruppen zu leiten. Im Leiten von Gruppen wiederum geht es um lebendiges Lernen und die persönliche Entwicklung. Vor drei Jahren habe die TZI-Diplomausbildung abgeschlossen. Die dadurch erworbenen Kompetenzen sind für mich im Leiten von Gruppen sehr hilfreich; zum Beispiel leite ich die Zukunftskonferenzen in den Dörfern nach dieser Methode. Andere Menschen konnten ebenfalls von der TZI begeistert werden, sie sind nun wertvolle Begleiter beziehungsweise Akteure im WEGE-Prozess.

Außerdem musste ich mich mit ganz neuen, für einen Bürgermeister eher ungewöhnlichen Themen zu beschäftigen, wie z. B. mit den Shell-Jugendstudien und Sinus-Milleu-Studien, um so herauszufinden, wie die Jugend „tickt“, damit ich sie erreichen kann. Nur mit diesen Kenntnissen ist es möglich, eine erfolgreiche Jugendarbeit zu gestalten. Oder was bedeuten im Zusammenhang mit dem Gestalten des Älterwerdens Begriffe wie Generativität oder Gerotranszendenz und welche Rolle spielt dabei der öffentliche Raum, den Hannah Arendt in ihrem Werk „Vita activa – oder vom tätigen Leben“ darstellt. Oder was ist Salutogenese und Resilienz und wie können sie in das Leben überführt werden …

Veränderung und Widerstand

Sind Sie irgendwann auch auf Schwierigkeiten gestoßen oder wurden die Veränderungsabsichten offen von allen aufgenommen? Falls ja, wie sind Sie damit umgegangen? 

Wie in jedem Veränderungsprozess gibt es Widerstand und Ablehnung. Man kann einerseits daraus lernen; anderseits habe ich über die Jahre hinweg sehr häufig bei Menschen beobachtet, wie aus einem ursprünglichen Widerstand oder gar einer Ablehnung Begeisterung entstanden ist. Sie hatten ihr Thema gefunden, weil sie in ihren Gefühlen erreicht wurden. 

Wie sieht das perfekte Daun für Sie aus?

Ob es die perfekte Verbandsgemeinde Daun geben kann, glaube ich nicht. Die oben beschriebenen Ziele im Jahre 2030 erreicht zu haben, genügt.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Arbeit oder gibt es noch etwas, dass Sie verbessern möchten?

Ich bin einerseits ganz zufrieden mit meiner Arbeit, andererseits bedarf sie einer ständigen Überprüfung und ggf. Verbesserung oder Anpassung. Ich habe in dem Prozess auch gelernt, dass immer alles im Wandel ist.

(Titelfoto: fotolia)

 

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About Viola

Ich liebe die Natur der Eifel und das Schreiben ermöglicht mir, die Eifel auf eine ganz besondere Weise kennenzulernen. Denn ich erfahre Dinge, die ich vorher nicht wusste und das inspiriert mich.