Wilde Jagd und Geistertanz: die Rauhnächte in der Eifel

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Bis in die Gegenwart ranken sich um die Nächte zwischen Weihnachten und Neujahr unheimliche Geschichten und Losbräuche, mit denen ein Blick in das neue Jahr geworfen werden sollte. Weder Wäsche aufhängen noch arbeiten sollte man, sonst wurde man im kommenden Jahr von Unglück und Tod heimgesucht. In den Nächten konnte man Werwölfen und dem wilden Geisterheer begegnen – doch die Tage zwischen den Jahren dienten auch der inneren Einkehr und Vorbereitung und zwangen die sonst immer tätigen Hände der Bauern zur Ruhe.

Eine unheimliche Vorstellung: Zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest öffnet sich die Schleuse aus der Welt der Geister und alle, die gewaltsam aus dem Leben schieden, jagen als wildes Geisterheer über den Winterhimmel der Eifel. Die »Well Jaag« – die wilde Jagd findet sich in zahlreichen Eifler Überlieferungen. Sie geht zurück auf einen uralten Aberglauben: In den Nächten zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest führt der germanische Gott Wodan ein Heer aus Geistern über den Nachthimmel. Heulen, Zähneklappern und allerlei Spuktreiben flößten jenen, die die wilde Jagd zu Gesicht bekamen, einen gehörigen Schrecken ein. Reisende, die nachts auf den Straßen unterwegs waren, wurden in die Irre geführt und verschwanden. Das Geisterheer erschien, um die verdammten und unerlösten Seelen des vergangenen Jahres einzusammeln und in seine Reihen einzugliedern.

Frau Holle lebe in der Hohen Acht, erzählt man sich in der Eifel. (Foto: Sarah Rubal)

Heimsuchung durch ein Geisterheer

Im Volksglauben war die Wilde Jagd ein Vorbote für Krieg und Katastrophen. Der Begriff »Wilde Jagd« selbst geht auf Jacob Grimm zurück und wurde in der Romantik im 19. Jahrhundert zur Inspiration für Gemälde und Musikstücke. Anderen Überlieferungen zufolge ist es nicht Wodan, sondern Frau Holle, die die Geisterschar der Toten anführt. Frau Holle wiederum ist eine Verkörperung germanische Göttin Frigg, Wodans Gemahlin. Ihre Ursprünge liegen vermutlich sogar in vorgermanischer Zeit. Sie stand für Fruchtbarkeit und Erneuerung. In der Eifel erzählt man sich, Frau Holle lebe in der Hohen Acht. Rund um die Burgruine Freudenkoppe bei Neroth wird das Geisterheer vom »Koppermännchen« angeführt, einem koboldhaften Geist, der niemand anders ist als Kaiser Nero selbst.

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Die Nächte außerhalb der Zeit

Der Zeitpunkt der Wilden Jagd fällt nicht zufällig auf die letzten Nächte des Jahres. Die 12 Tage ab dem 25. Dezember sind nach dem Mondkalender »übrig« – das Mondjahr hat nur 354 Tage. Es bleiben 11 Tage und 12 Nächte, die außerhalb der Zeit – »zwischen den Jahren« liegen – und in denen den Geistern der Übertritt in unsere Welt besonders leichtfällt. In jenen magischen Nächten werden die Naturgesetze auf den Kopf gestellt, an der Naht zwischen dem alten und dem neuen Jahr verliert die Zeit ihre Linearität und Geister, Dämonen und Teufel übernehmen die Herrschaft über die Welt.

»Rauhnächte« heißen die Nächte zwischen den Jahren – die »rauhen Nächte«, von altdeutsch »rauch« für »pelzig« oder »haarig«, was vielleicht auf die klirrende Kälte hinweist, vielleicht aber auch auf einen anderen Aberglauben: In den Rauhnächten verwandelten sich Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel eingegangen waren, in Werwölfe.

Werwölfe treiben ihr Unwesen

»Stüpp« nannte man den Werwolf in der Eifel, zurückgehend auf die wahre Geschichte von Peter Stump, dem Werwolf von Bedburg, der 1589 sogar 13 Menschen tötete und vor seiner Hinrichtung erklärte, der Teufel selbst habe ihn in einen Werwolf verwandelt. Der Prozess erregte damals großes Aufsehen, vielleicht liegt es daran, dass man dem Werwolf in der Eifel und im Rheinland häufiger begegnet als anderswo. Anders als heute dargestellt, war der Stüpp kein zähnefletschendes und blutrünstiges Raubtier, sondern wartete an Friedhöfen und Wegkreuzungen darauf, sich Vorübergehenden auf den Rücken zu setzen und sie nach und nach zu erdrücken und in den Wahnsinn zu treiben.

In den Rauhnächten durfte keine Wäsche aufgehangen werden. (Foto: Sarah Rubal)

Für die Rauhnächte gelten besondere Regeln

Die besondere Stellung der Rauhnächte verlieh allen Begebenheiten und Handlungen eine große symbolische Bedeutung. Jede Arbeit sollte ruhen, wer sich nicht daranhielt, lief Gefahr, im neuen Jahr Haus und Hof zu verlieren. Besonders die Wäsche durfte man nicht aufhängen – das Geisterheer konnte sie stehlen und im Laufe des Jahres als Leichentuch zurückbringen. Weder fegen noch putzen war erlaubt, noch sich die Haare oder Fingernägel zu schneiden, sonst drohten Kopfschmerzen und Gicht. Am besten saß man still am Feuer und lauschte in die Dunkelheit der langen Nächte, bis ab dem Dreikönigstag alles wieder seinen gewohnten Gang ging. Weihrauch wurde eingesetzt, die bösen Geister auszutreiben und mit Orakeln und Losbräuchen die spirituelle Kraft der Rauhnächte für einen Blick in die Zukunft zu nutzen. Junge Mädchen sahen im Traum ihre zukünftigen Bräutigame. Viele der Überlieferungen drehten sich um den Tod und Abschied. »Wenn viel Wind geht, sterben viele alte Frauen«, war ein Sprichwort der Rauhnächte, auch glaubte man, die Tiere im Stall erhielten in den Raunächten die Fähigkeit, zu sprechen. Sie zu hören aber brachte Unglück in den baldigen Tod.

Der Glaube an die magische Kraft der Rauhnächte ist in der Eifel tief verwurzelt. (Foto: Sarah Rubal)

Lostage für das Wetter des kommenden Jahres

Wie tief verwurzelt der Glaube an die magische Kraft der Rauhnächte bis in unsere Zeit war, zeigt ein Blick in das Heimatblatt des Kreises Schleiden und Umgebung im Dezember 1926, in denen die Tage zwischen den Jahren als »Lur- und Lostage« beschrieben werden, die einen Ausblick auf das Wetter erlaubten.

»Jeder dieser zwölf Tage soll nach Eifeler Volksglauben durch seine Witterung das Wetter eines der zwölf Monate des kommenden Jahres angeben und die alten Leute führen heute noch Buch über die Witterung an den betreffenden Tagen, um über die Witterung in den für die landwirtschaftliche Tätigkeit besonders wichtigen Monaten immer unterrichtet zu sein«, heißt es dort.

Die Wintersonnenwende am 21. Dezember macht die Rauhnächte zu den längsten des Jahres. Aberglauben und Brauchtum rund um sie sind nahezu in Vergessenheit geraten, doch wer in diesen Nächten in der Eifel eigenartige Geräusche hört, der ist gut beraten, auf der Hut zu sein. Wer weiß, ob nicht doch das ein oder andere Gespenst in bester Rauhnachttradition um die Häuser zieht…

Mehr über Aberglauben und Brauchtum der Rauhnächte erzählt auch der erste Eifel-Thriller von Salome Sigel: Alle Rauhnacht wieder.

mm

About Sarah Rubal

Sarah Rubal, geboren 1984, ist Autorin. Ihre Vorfahren stammen aus Lommersdorf bei Blankenheim. Schon seit ihrer Kindheit ziehen sie die Sagen und Geschichten der Eifel in ihren Bann. Ihr aktueller Eifel-Thriller "Alle Rauhnacht wieder" ist gerade erschienen.

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