Wer braucht Schottland? – Ein Plädoyer für Schlechtwetterwandern in der Eifel.

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Oh, doch! Es gibt schlechtes Wetter, auch wenn uns der Volksmund gerne weismacht, es gäbe keins, höchstens schlechte Kleidung. Wer einmal die Auswirkungen eines atlantischen Tiefausläufers über der Eifel in Monaten mit „r“ erlebt hat, wird mir sofort zustimmen. Gleichwohl ist das noch lange kein Grund, hinter dem Ofen hocken zu bleiben. Denn das Wandern in Sturm und Regen hat durchaus seinen Reiz.

Wagenrad vor BrennholzIch bin weder besonders aquaphil noch ein Freund kalter Wadenwickel oder langer Moorbäder. Aber ich liebe es, bei rauer Witterung vor die Tür zu gehen, besser noch: auf eine lange Wanderung durch die Eifel. Es gibt viele gute Gründe dafür. Zum Beispiel bekommt man bei bedecktem Himmel keinen Sonnenbrand. Der Hauptvorteil aber ist, dass beliebte Premiumwanderwege wie der Eifelsteig, der Wildnis-Trail oder die Traumpfade nahezu menschenleer sind. Ich kann die Einsamkeit dann erst so richtig genießen, die Natur intensiver spüren und die Farben der Farne, des Laubes und der Gräser noch viel stärker leuchten sehen als bei Sonne.

Auf mich selbst geworfen wird mein Gang allmählich gleichmäßiger, das Atmen ruhiger und die Erhabenheit der Umgebung wahrnehmbarer. Bei Sturm wehen die Gräser geduckt am Boden und parallel wie am Meer. Pfützen kräuseln ihre Wasserspiegel und bilden verwegene Muster. Schwere Gedanken und langes Grübeln treten in die zweite Reihe. Stattdessen rücken Details in den Blick, geeiste Fäden eines Spinnennetzes, eine Kolonie von Pilzen auf einem Baumstamm oder das Sternenpolster des Mooses.

Schönheit spricht aus allem.

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Später in der Dämmerung und im Nebel inszeniert sich die Natur auf das Gruseligste: Stumm ragen lange Buchengerippe in das Wolkenwabern, der Fichtenhochwald legt sich dunkel zerfranst aufs nasse Hügelland. Wurzeln und Baumstümpfe geben sich wie Waldgeister und Kobolde. Und steht da nicht ein gebücktes Mütterchen mit einer Katze auf der Schulter? Laut schreiend versammeln sich Krähen in den Baumkronen. Kulissen eines Horrorfilms. Zum Fürchten schön.

Wer allerdings Angst davor hat, die Sohlen seiner Wanderstiefel durch das stetige Ansammeln von Morast allmählich in selbstwachsende Plateauschuhe zu verwandeln, ist hier fehl am Platz. Denn die Wege der Eifel werden gerade in der kalten Jahreszeit durch Forstfahrzeuge gerne zu Matschpisten wie in einem russischen Truppenübungsgelände. Da heißt es nach der Tour geduldig zu schrubben und das Profil der Schuhe wieder komplett freizulegen. Wie ich das hasse!
Manche Strecken indes bleiben auch bei längerem Niederschlag trocken, etwa die über weite Schieferpassagen reichenden schmalen Pfade des Ahr- oder des Moselsteigs. Hier besteht in teilweiser alpin anmutender Streckenführung höchstens die Gefahr, den Fels hinunter zu rutschen. Aber solche Abschnitte sollten sich dank Drahtseilversicherung meistern lassen. Warum mir das Begehen kleiner Pfade besonders viel Freude bereitet, habe ich bis heute nicht ganz ergründet. Man kommt langsamer vorwärts und macht deshalb weniger Strecke pro Stunde, man muss sich deutlich stärker auf das Laufen konzentrieren und sieht nicht so viel. Aber die schmalen Steige sind und bleiben ein Genuss – viel mehr als die breiten schnurgeraden Wanderautobahnen in Feld und Wald. Vielleicht liegt es an ihrer ureigenen Romantik, denn Pfade erinnern an eine Zeit, in der es noch keine Fahrzeuge gab.

Spinnennetz mit TauÄhnlich romantisch wirken die vielen Burgen der Eifel, obschon sie besonders bei schlechtem Wetter einen realistischen Eindruck davon geben, wie unromantisch es dort in frühen Tagen zuging, als kalter Wind über die Dächer und Zinnen zog und nur der Turm mit den Frauenzimmern beheizt wurde. Die überwiegend auf Höhen errichteten Festungsbauten sind indes lohnende Wanderziele, und auch hier kann man bei Regen und Sturm meist völlig alleine um die Mauern und Türme streunen.

Mit zu den spektakulärsten Landschaften der Eifel zählen zweifellos die Moorgebiete des Hohen Venns und die Wacholderheiden der Osteifel. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Gegenden erst bei frischen Temperaturen, ab Windstärke 7 und bei regennassem Himmel ihr wahres Ich offenbaren. Tief und schnell jagen dunkle Wolken über den einsamen Wanderer hinweg. Am Ginster und der Besenheide zerrt der Sturm, Wacholdersträucher biegen sich am Horizont. Die grauverwitterten Holzstege und Plankenwege bieten oft die einzige Orientierung in einem nur von Büschen und Gräsern geprägten Gelände. Hier werde ich beinahe existenziell herausgefordert, die Natur zeigt sich wild, ungestüm, gefährlich.

Nach einer langen windumtosten Tour habe ich mir endlich das verdient, was insgeheim vielleicht der eigentliche Antrieb meiner Schlechtwetterwanderungen ist: Die Einkehr in einem behaglichen Gasthof. Schon der Einlauf in heimelige Eifel-Städtchen wie Monschau oder Blankenheim durch holperige Kopfsteinpflastergassen vorbei an schieferbeschuppten Fassaden oder malerischem Fachwerk ist ein Erlebnis. Nie habe ich die menschliche Zivilisation mit den Segnungen von heißen Duschen und Zentralheizungen sehnlicher erwartet als nach rustikaler Naturerfahrung. Ganz zu schweigen von den verheißungsvollen Spezereien, die Küche und Keller gut gepflegter Restaurants für mein Abendessen bereithalten. Wenn ich dann zur späten Stunde hinter einem erleuchteten Fenster bei einem guten Bier oder Wein nach einem vortrefflichen Essen sitze, durchflutet mich im Rückblick auf die Wanderung stets ein unglaublich wohliges Gefühl. Man könnte es auch Glück nennen.

Sobald ich dann zur Nacht binnen Sekunden in tiefen Schlaf gefallen bin, kann ich immer noch von Schottland träumen.

Weiterführende Links:

www.eifel.de
http://www.eifel.info/wandern
www.bahn.de

 

Gast-Autor

Ingo Konrads mit Weinglas

Fotograf: foto-pongratz.de

Ingo Konrads ist mit Leib und Seele Weinkabarettist. Seit fast fünf Jahren steht er mit Weinwitz, Wahnwitz und Wortwitz auf hohen Bühnen und in tiefen Kellern. Mit seinen Comedy-Programmen hat er sich ein begeistertes Publikum erobert und bewiesen, dass der die Welt des Weins ein hohes Potenzial an Spaß und Komik birgt. Exklusiv für „Endlich Eifel“ schreibt Ingo Konrads über seine zweite große Leidenschaft neben dem Wein: über das Wandern. Von seinem jetzigen Wohnort Oberwinter am Rhein bricht der in Schleiden geborene Künstler regelmäßig allein oder mit Freunden zu mehrtägigen Touren in seine Eifelheimat auf.

Weitere Informationen: www.wein-comedy.de

mm

About Ingo

Mit seinen Comedy-Programmen hat sich Ingo Konrads ein begeistertes Publikum erobert und bewiesen, dass die Welt des Weins ein hohes Potenzial an Spaß und Komik birgt. Derzeit ist er mit seinem neuen Soloprogramm über Wein und Liebe „Zwei Herzen und drei Viertele“ unterwegs. Für „Endlich Eifel“ schreibt der Künstler in loser Folge Beiträge über seine Eifelheimat.

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