Seitensprünge an der Mosel

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Kein Fluss umschlängelt die Eifel mit einer solchen Eleganz wie die Mosel, die das Mittelgebirge an seiner Südostseite begrenzt. Sie geizt wirklich nicht mit ihren Reizen, aber auch in ihren Seitentälern in Richtung Eifel kann man wahre Entdeckungen machen.

Im Herbst kommt sie wieder, die Nebeldecke, die morgens breit über der Mosel liegt und kaum einen Sonnenstrahl hindurchlässt. Doch schon bald verschwindet sie im Nichts, und der blaue, wolkenlose Himmel übernimmt das Regiment. Der Blick wird frei auf die Weinberge. Golden leuchtet das Laub, Lesehelfer wimmeln in den Rebzeilen und Traktoren tuckern die Serpentinen herauf. Es ist die Zeit der Weinernte. Ich bin wandernd unterwegs auf den Eifelhöhen direkt an der Abrisskante zum Moseltal, später dann landeinwärts, wo der alte Moselhöhenweg des Eifelvereins verläuft.

Kurgarten mit Schlösschen in Bad Bertrich.

Hier an den Grenzen der Eifel beginnt das Weinland und damit auch die ewige Streiterei, ob das linke Moselufer mit seinen Steillagen noch zur Eifel gehört oder nicht. Moselaner sind Moselaner und keine Eifeler, sagen sie gerne im Tal. Die Eifeler wiederum wünschen sich nur zu gerne, jenes wunderbare Weinparadies zu ihnen gehörig nennen zu können, um auch mal etwas Lieblicheres im Portfolio zu haben als windumtoste Vulkankuppen und nebelverhangene Hochwälder. Dabei sind gerade die von der Eifel zur Mosel hinführenden Täler von erstaunlich mediterraner Anmutung. Ihre Felsen- und Schluchtenvegetation mit Steingewächsen und Krüppeleichenwäldern kommen mir in den Sinn. Und die wohlige Wärme, sobald einen Sonnenstrahl sie erreicht.

Viel Wasser schenkt die Eifel der Mosel über ihre Bäche und Flüsse, die in diesen tief eingeschnittenen Kerbtälern ihrem Ziel glucksend entgegenstreben. Fast überall findet sich altes, ja, uraltes Gemäuer. Das lange Kylltal ist reich beschenkt mit Herrschaftssitzen wie das Schloss Malberg, die Burg Lissingen, die Bertradaburg oder Burg Ramstein. Im Salmtal steht seit dem 12. Jahrhundert die Zisterzienserabtei Himmerod.

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Das von Manuel Andrack hymnisch besungene Liesertal ist Heimat der bekannten Manderscheider Burgen, und auch Wein wächst an der Lieser. Obschon etwas abseits der Mosel gedeiht er hier prächtig, nämlich in der Umgebung von Wittlich, Platten und Maring-Noviand.

Ähnlich wie trinkfreudige Touristen sucht sich der Endertbach seinen Weg von der Eifel aus nach Cochem. Zu seinen Sehenswürdigkeiten zählen die Wallfahrtskirche Maria Martental und der sieben Meter hohe Endertfall. Wanderer, die direkt neben der Endert dem Karolingerweg des Eifelvereins folgen, ergötzen sich an der immer tiefer eingeschnittenen Schluchtenszenerie. Auch hier findet sich stolzes Rittergehäus, nämlich die Ruine Winneburg und weiter unten an der Mündung des Baches in die Mosel die Reichsburg Cochem, deren heutiges Aussehen sie einem Berliner Kaufmann zu verdanken hat.

Ein weiteres bemerkenswertes Seitental der Mosel ist das Üßbachtal. Schon die römischen Kaiser Valentinian II. und Gratian erbauten hier in Bertriacum prächtige Badegebäude. Seitdem begeben sich über Jahrhunderte lang ungezählte Heilungssuchende an und in die Quellen von Bad Bertrich. Der letzte Kurfürst von Trier, Clemens Wenzeslaus von Sachsen, ließ hier von 1785 bis 1787 das Kurfürstliche Schlösschen erbauen und nutzte es als Sommer- und Jagdresidenz.

Eine echte Besonderheit ist das Katteneser Mühlental, mit seinen pittoresken ehemaligen Mühlen, 13 an der Zahl. Zwischen ihre Mühlsteine gelangte nicht nur Getreide, sondern auch Gips, Ölfrüchte und Lohrinde.

Dieser „Seitensprung“ von der Mosel hoch in die Osteifel lohnt sich allemal: Monreal mit Fachwerkkulisse am Elzbach.

An der Terrassenmosel mündet der Elzbach. Von der Hohen Eifel her fließt er durch das idyllische Monreal und passiert bald darauf Burg Pyrmont und die legendäre Burg Eltz. Atemberaubend schön ragt sie unvermittelt auf, ein gewachsenes Konglomerat aus Mauern, Türmchen und Schieferdächern, fast unwirklich. Die Lords aus „Games of Thrones“ würden sie gewiss gerne als Sommerfrische nutzen.

Bei meiner langen Wanderung denke ich noch viel nach über die Schönheiten der Eifeler Seitentäler an der Mosel. Dann ist es spät geworden. Bevor es dunkel wird, will ich hinabsteigen. Auf schmalem Pfad und rutschigen Schieferplatten peile ich den nächsten Weinort an. Eng hocken die Häuser hier beieinander, eine graue Katze streift seidig im Orange des Abendlichts zwischen Blumenkübeln hindurch. Aus den Kellern steigt der dumpfe Geruch der Hefe des Frischgärenden in meine Nase. Die alten, prächtigen Winzerhäuser stehen auf standhaften Schiefermauern, gerade jenem Material, das oben auf dem Dach vor Regen schützt und noch weiter droben im Weinberg dem Riesling seinen unverwechselbaren Moselschmelz verleiht. Eins der Häuser wird heute meine Herberge sein.

Später in der Gaststube entfaltet der Wein wieder einmal seine gemeinschaftsstiftende Wirkung. Schnell komme ich mit den anderen ins Gespräch. Winzer klagen über den Witterungsverlauf, Kellner über knauserige Holländer und Wanderer über die Hochmoselbrücke, die nach ihrer Fertigstellung weltberühmte Weinlagen in den Schatten stellen wird. Es ist also alles so wie immer.

Ich probiere vor lauter Lebenslust so viele Rieslinge durch, dass der Wirt mich irgendwann fragt, ob mir denn überhaupt keiner seiner Weine schmecke, weil ich jedes Mal wieder einen anderen bestelle. Ich kann ihn beruhigen. Sie schmecken mir alle. Ja, sie erzählen mir flüsternd von den steilen Hängen, den Flussbiegungen, den Weinbergsmauern, dem Schieferboden, von Nebel, Wind und Regen, von der Sonne, von Vergangenheit und Zukunft zugleich und nicht zuletzt von der Arbeit der Winzerin oder des Winzers. Sogar von den Seitentälern. Man muss nur ganz ruhig werden und genau hinhören. Dann entstehen Töne auf der Zunge, die man nie mehr vergisst.

Eifelschön: Der „Pyrmonter Felsensteig“ im Maifeld – einer der „Traumpfade“, ist Wanderweg des Jahres 2015 in der Kategorie Touren. Der Steig ist am Elzbach, einem der Zuflüsse aus der Eifel in die Mosel.

Titelbild: Blick von der Eifelseite auf Cochem. Foto: Tourist-Information Ferienland Cochem
Bildnachweise: Rhein-Mosel-Eifel-Touristik, Touristikorganisation Bad Bertrich GmbH

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About Ingo

Mit seinen Comedy-Programmen hat sich Ingo Konrads ein begeistertes Publikum erobert und bewiesen, dass die Welt des Weins ein hohes Potenzial an Spaß und Komik birgt. Derzeit ist er mit seinem neuen Soloprogramm über Wein und Liebe „Zwei Herzen und drei Viertele“ unterwegs. Für „Endlich Eifel“ schreibt der Künstler in loser Folge Beiträge über seine Eifelheimat.

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