Seit 80 Jahren auf dem roten Teppich – Deutschlands einzige Kokosweberei liegt in der Eifel

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Das kleine Vulkaneifeldorf mit rund 300 Einwohnern ist nicht nur durch seine 500jährige Geschichte der Eisenhütten bekannt geworden – in Eisenschmitt steht heute die wohl einzige mechanische Kokosweberei in Deutschland, vielleicht sogar in Europa. Seit 1938 produziert die Firma August Schär in Eisenschmitt Produkte aus Kokos, Sisal und Jute. Kleinere Läufer und Fußmatten für Hauseingänge gehören ebenso dazu wie rote Teppiche für Staatsempfänge und Auftritte von Prominenten. Unzählige Promis, Päpste und Präsidenten, die Queen und die Bundeskanzlerin sind schon über die – laut Protokoll für Staatsempfänge exakt zwei Meter breiten – roten Teppiche aus der Eifel gelaufen.

Ein gleichtöniges Rattern ist zu hören, wenn die großen Webstühle der mechanischen Produktionsanlagen in Betrieb sind. Die alten Maschinen in den großen Hallen haben allen Modernisierungsmaßnahmen getrotzt. Naturprodukte und umweltschonende Produktionsverfahren sind heute gefragter denn je und bescheren dem Eifler Unternehmen seine deutschlandweite Einzigartigkeit.

Bis in die 1960er Jahre waren Bodenbeläge aus Kokos oder Sisal sehr verbreitet, galten aber als „Arme-Leute-Teppich“. Heute sind sie durch ihre lange Haltbarkeit und Unempfindlichkeit gegenüber Nässe wieder begehrt. Auch die Ökobilanz überzeugt: Kokosfasern sind ein nachwachsender Rohstoff, der zusätzlich komplett biologisch abbaubar ist. Außerdem dämpfen sie Schall und dämmen Wärme, faulen nicht, auch wenn Kokosfasern im Wasser liegen, sind schwer entflammbar, antistatisch und resistent gegen Ungezieferbefall. Die Naturfasern kommen hauptsächlich aus dem Süden Indiens, aber auch aus Brasilien, Mexiko und Sri Lanka in die Eifel. In Eisenschmitt werden die gesponnenen Garne eingefärbt und getrocknet, in die Webstühle eingezogen und abgewebt, anschließend kontrolliert und konfektioniert – eine mühselige und zeitintensive Handarbeit.

Der lange Weg in die Eifel

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Auf dem Tieflader in die Eifel. Foto: © G. Retterbush/August Schär KG

Nach dem mehrwöchigen Schiffstransport kommen die Container mit den Kokosballen auf Tiefladern auf kurvenreichen Wegen in das kleine Eifeldorf. Die Straßen und die Einfahrt zur Weberei sind schmal und zwei bis dreimal im Monat muss der Verkehr in Eisenschmitt ruhen, bis die großen LKW ausgeladen sind.

Rund 165 Kilo schwere Ballen befinden sich auf der Ladefläche. Im Rohzustand ist das Kokosgarn hölzern und naturfarben, also eher bräunlich. Nach dem Öffnen lockert man das Garn und sortiert nach Stärke und Farbschattierung. Dann geht es für ganze 24 Stunden in das bis zu 100 Grad Celsius heiße Färbebad in großen gemauerten Betonbecken. Das Garn wird regelrecht gekocht – die Fasern quellen dabei und saugen den Farbstoff auf – um eine durchgehende Färbung zu erreichen. Anschließend schleudern riesige Zentrifugen das überschüssige Färbewasser heraus und die Garne kommen zum Trocknen in über zwei Meter hohe Öfen. Danach erst kann das (beispielsweise rot) eingefärbte Kokosgarn gespult werden.

Das Kokosgarn wird im Färbebad gekocht. Foto: © G. Retterbush/August Schär KG

Weiter geht es zum Einziehen an die elf großen, alten Webstühle, die eher an ein Heimatmuseum als an einen weltweit tätigen Produktionsbetrieb erinnern. Schon oft mussten die mechanischen Webstühle repariert und Einzelteile, die es schon lange nicht mehr im Handel gibt, ausgetauscht werden. Dank dem ältesten Mitarbeiter des Unternehmens, dem gelernten Schlosser, ist das bis heute machbar: fehlende Ersatzteile werden teils selber nachgebaut.

Das Hin- und Herschießen der Schiffchen in den Webstühlen hüllt den staatlich anerkannten Luftkurort Eisenschmitt in einen klackernden Rhythmus. Der Takt wird lauter sobald man die Tore zur Werkshalle öffnet. Wie in alten Zeiten steuern Lochkarten die Webmuster in den historischen Maschinen.

Handwerk in Familientradition

In den Eifeldörfern gibt es nur noch wenige Jobs, in der Kokosweberei in Eisenschmitt sind immerhin rund 20 Mitarbeiter beschäftigt. Den Beruf des Webers gibt es eigentlich nicht mehr, daher bildet Georg Fritzsche selbst aus, denn Nachwuchs zu finden wird immer schwieriger.

In dritter Generation führt Georg Fritzsche die von seinem Großvater 1929 in Bochum gegründete Weberei. August Schär handelte mit Haushaltsgegenständen und produzierte Fußmatten und Pflanzkörbe. 1938 bot man ihm die heruntergekommene Tuchweberei in Eisenschmitt an und das Unternehmen zog in die Vulkaneifel.

Georg Fritzsche und Sohn Alexander führen das Unternehmen gemeinsam. Foto: © G. Retterbush/August Schär KG

Nach der eigenen Schulzeit war Georg Fritzsche täglich in der Kokosweberei, die Mutter war früh verstorben und so spielten die Kinder am Nachmittag rund um die Webstühle. In Trier erlernte Fritzsche das Weberhandwerk in einer Gardinenweberei, trat danach 1973 in den elterlichen Betrieb ein und löste den Vater 1981 als Firmenchef ab.

Der Bürgermeister von Eisenschmitt, Georg Fritzsche kann sich ein Leben ohne die Kokosweberei nicht vorstellen – auch mit 65 Jahren arbeitet er jeden Tag viele Stunden im Betrieb. Die roten Teppiche sind das beste Aushängeschild für das Unternehmen, doch das Hauptgeschäft ist die Produktion von Fußmatten und Meterware – allesamt aus Kokosfasern. Inzwischen führt er aber gemeinsam mit seinem Sohn das Unternehmen, als gelernter Betriebswirt verantwortet Alexander Fritzsche auch den zunehmenden Online-Handel.

Für Gruppen ist – nach vorheriger Anmeldung – eine Besichtigung der Kokosweberei in Eisenschmitt möglich.

August Schär KG – Mechanische Kokosweberei | Himmeroder Straße 6 | 54533 Eisenschmitt

(Titelfoto: Die mechanischen Webstühle in der großen Halle der Kokosweberei in Eisenschmitt. Alle Fotos: © G. Retterbush/August Schär KG)

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About Jeannette

Vor den Toren meiner rheinischen Heimatstadt liegt die Eifel. Die nahe Mittelgebirgsregion ist häufig Ausflugsziel und Zufluchtsort zugleich. Vielfältige landschaftliche und kulturelle Reize begeistern mich ebenso wie die lebendige Geschichte und die regionalen Spezialitäten. Bei Wanderungen in der abwechslungsreichen Natur sammle ich als Stadtmensch kreative Energie für neue Projekte.