Samstag – Badetag

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So lange ist das noch gar nicht her: Beim Badetag am Samstag ging es in vielen Haushalten der Eifeldörfer in die Zinkwanne. Für Groß und Klein. Es war halt Wochenende. Heute sind die Vorläufer der Badewanne oft zweckentfremdet: Mit Blumen oder Kräutern bepflanzt zieren sie den Garten. Dabei stehen sie für eine kleine Kulturgeschichte.

„Zwei Kännchen mussten für die Haare reichen“: Joachim Schröder aus Pronsfeld mit dem Emaille-Gefäß fürs Haare waschen in früheren Zeiten.

„Die stand in der Küche! Ich kann mich noch gut erinnern.“ Heinz Bester aus Blomberg an der Lippe, gerade mit Ehefrau, Enkeltochter und einer gemeinsamen Freundin des Ehepaares in der „Baugruppe Niederrhein“ des LVR-Freilichtmuseums Kommern unterwegs, erkennt die unscheinbare sichtlich alte Wanne sofort. Sie ist aus Zink, fasst laut Markierung 70 Liter – und war früher die „Badewanne“ in den ländlichen Regionen: im Lipperland wie in der Eifel. An was sich der 1949 geborene Lipperländer erinnert, hat nichts mit Romantik zu tun: Früher war nicht alles besser- schon gar nicht das Baden im Zinkbottich, der mal 60, 70 oder 100 Liter Wasser fassen konnte und auch als Waschzuber diente.

Samstag – Badetag: Bis in die 1960er Jahre hinein, da sind sich Heimatforscher in der Eifel sicher, war das der einzige Tag in der Woche, in dem Kinder wie Erwachsene ein „Vollbad“ nahmen. Das hatte einen einfachen Grund: „Unter der Woche war dafür auf dem Dorf keine Zeit, es wurde auf dem Feld oder im Stall bis in die Abendstunden gearbeitet“, so Josef Stiel, Regionalhistoriker aus Eschweiler. Samstag, das war das Ende der Arbeitswoche: Am Nachmittag im Winter, im Sommer am frühen Abend, weil es später dunkel wurde, wurde gebadet.

Samstag – Badetag, das ist seit Jahrhunderten so. Anna Herber, wissenschaftliche Referentin bei den Römerthermen Zülpich – Museum für Badekultur, hat den Termin schon seit dem Mittelalter nachgewiesen, als am Samstag „die Badestuben aufgesucht wurden. Der feste Termin war allgemein wichtiger, als der eigene Raum.“ Sie bestätigt, dass der Badezuber da aufgestellt wurde, wo es als praktisch erschien: in Küchen, Schlafzimmern oder Wohnstuben. „Das Badezimmer als separater Raum mit festen Einbauten, wie wir es heute kennen, gibt es tatsächlich erst seit einigen Jahrzehnten.“

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Die Vorbereitungen fürs wöchentliche Familien-Reinemachen waren in vielen dörflichen Haushalten der Eifel allerdings eine aufwändige Prozedur. Woher warmes Wasser nehmen? Fließendes Wasser gab es längst nicht in jedem Haus. Dafür einen „Pütz“ in oder an den Häusern, ein Brunnen, aus dem das Wasser erst hochgepumpt werden musste mit dem  „Schwengel“. In Eimern wurde das Wasser dann in die Küche gebracht und im großen Einkochkessel, oder mehreren kleinen, auf dem Herd erhitzt. „Stochen“ nannte man das Beheizen des Herdes mit Brennholz aus dem Garten.

„Die Küche war zumeist in der Eifel deshalb der Baderaum, weil sie immer warm war“, so Regionalforscher Joachim Schröder aus Pronsfeld. Die Mischung des Badewassers bestand dann aus 2 zu 1: Zwei Teile kaltes, ein Teil heißes Wasser. „Die ovale Zinkwanne wurde bis auf ungefähr 20 Zentimeter unter den Rand gefüllt“, erinnert sich Schröder an seine Kindheit.

Kernseife statt Duschbad mit Atlantik-Frische: Vom Block wurde abgeschnitten, was benötigt wurde.

Und dann ging es von Klein nach Groß: Die Mutter wusch zuerst die Kinder, so sie noch klein waren. Jungs und Mädchen wurden nicht immer getrennt. Danach erst der Wasserwechsel für die Erwachsenen. Wurde so in der Küche gebadet, waren die Fenster zur Straße etwa mit Decken verhängt, vor der Wanne über Stuhllehnen Blick versperrende Decken aus Gründen der Scham gespannt, weiß eine Eifelerin noch aus eigener Erfahrung im Dorf in der Westeifel. Ihren Namen möchte sie nicht nennen: Stolz war man doch damals auf die aus heutiger Sicht eher ärmlichen Verhältnisse nicht.

Und womit wurde am Badetag geschrubbt und gereinigt? Parfümierte Seifen für die Körperpflege – das gilt auch für das tägliche Waschen am Waschtisch – gab es erst ab den 1960er Jahren. Stattdessen: Kernseife, die vom Block geschnitten wurde. „Ich habe noch den Geruch in der Nase, wenn ich daran denke“, so Historiker Josef Stiel. Und da es erst viel später so etwas wie eine Dusche gab, wurden die Haare einfach mittels einer kleinen Kanne gewaschen. Joachim Schröder hat eine in seinem Fundus alter Haushaltsgegenstände aus der Eifel: „Das war unsere. Die fasst einen Liter, zwei Kännchen mussten pro Person reichen.“

Bemalt, bepflanzt – sogar die Tomaten wachsen: Eine 100-Liter Zinkwanne in Pronsfeld, die früher für den Badetag und zum Wäsche waschen genutzt wurde.

Für die Familien in der Eifel begann mit dem Badetag-Samstag, was heute „Wochenende“ heißt. Der Begriff kam erst später auf, „es war einfach der Beginn der arbeitsfreien Zeit“, so Josef Stiel. „Und auch ein bisschen schon so etwas wie ein Sonntagsgefühl“, meint Joachim Schröder.

Frisch gebadet ging es für die Kinder – wenn es in den Haushalten später sogar einen Fernseher gab –  nach dem „Sandmännchen“ ab ins Bett. Am Sonntag war man für den Kirchgang frisch gebadet und im Sonntagsstaat.

Die alten Zinkwannen von einst gibt es heute auf vielen Trödelmärkten und meistens werden sie zweckentfremdet: Bepflanzt zieren sie in der Eifel viele Gärten. Wofür sie einst dienten, wissen meist nur noch die, die froh sind, dass diese Zeiten vorbei sind.

Titelbild: LVR-Museum Kommern

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About Stefan

Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

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