Nikolaus von Kues und das Spiel des Lebens

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Nikolaus Cryfftz, einer der großen Denker des Mittelalters, wurde 1401 in Kues an der Mosel geboren. Vater Cryfftz war Schiffseigner und Weinhändler, seine Mutter kam aus angesehenen Bernkastler Kreisen. Der Schiffer-Beruf des Vaters führte zu der Legendenbildung vom armen Moseljungen. Aber, wer das Geburtshaus von Nikolaus gesehen hat, der weiß, dass das Unsinn ist.

Geburtshaus von Nikolaus Cusanus (Foto: fotolia)

Aufgrund der finanziellen Möglichkeiten der Familie geht Nikolaus mit jungen 15 Jahren nach Heidelberg, um dort die sieben freien Künste zu studieren und beendet später in Padua mit gerade mal 22 Jahren sein Studium als Doktor des Kirchenrechts. Danach war Nikolaus Cusanus als Jurist in Köln, päpstlicher Gesandter, Reisender, Vermittler, Bischof und auch als beliebter Prediger tätig. Seine Predigten waren zwar anspruchsvoll, aber er bemühte sich immer sie auch einfachen Menschen verständlich zu machen.

Die manchmal komplizierten Theorien von Nikolaus Cusanus kann man in Bernkastel-Kues begehen und erspielen. Er errichtete in Kues mit Hilfe des väterlichen Vermögens direkt an der Mosel ein Hospital.

Für 33 bedürftige, wenigstens 50 Jahre alte Männer

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Das Haus sollte passend zu den Lebensjahren Christi 33 bedürftigen und dabei wenigstens 50 Jahre alten Männern (in der Stiftungsurkunde werden sie „abgearbeitete Männer“ genannt) Wohnung und Unterhalt gewähren. Die Männer sollten unverheiratet sein, „wenn verheiratet, nur für den Fall, dass ihre Frauen ins Kloster gehen, oder für ihren Lebensunterhalt der Hilfe ihrer Männer nicht bedürfen, oder so alt sind, dass nicht der Verdacht aufkommen kann, dass sie sich ihrer Männer entledigen wollen“. (Zitat aus der Stiftungsurkunde in Jakob Marx: „Geschichte des Armen-Hospitals zum hl. Nikolaus zu Cues“, Trier 1907)

Bei der Einweihung 1465 war Nikolaus von Kues bereits tot, aber in dem Bau wurden viele seiner Ideen eingearbeitet. Am Wichtigsten war ihm der Gedanke der Einheit in der Vielfalt, die Verschiedenheit aller Dinge, die in der Unendlichkeit in eins fallen: ein Kreis ist, wenn er unendlich groß ist, zumindest in dem für uns sichtbaren Teil, identisch mit einer Linie. Für uns Menschen mögen Dinge unterschiedlich sein, aber in Gott fallen sie alle zusammen und sind eins.

Im Cusanus-Stift findet man das Prinzip beispielsweise im Kreuzgang wieder. Jeder Flügel hat ein anderes Netzgewölbe. Auch die 22 dreiteiligen, spitzbogigen Fenster sind voneinander verschieden: jedes Maßwerk ist anders. Doch als Gesamtwerk bilden sie eine harmonische Einheit, in der die Gegensätze und Verschiedenheiten aufgehoben werden. „Coincidentia oppositorum“ nannte das Cusanus und hier ist sie – zumindest für die Architektur – bewiesen.

Mitten in der Bibliothek im Obergeschoss des St. Nikolaus Hospitals, steht eine Säule an der man ebenfalls Cusanus Denken ablesen kann. Das Achteck des Fußes geht über in die Form der Säule. Nikolaus von Kues vergleicht unsere Begriffswelt mit einem Vieleck, die letzte Wahrheit mit dem Kreis. Das Vieleck kommt dem Kreis immer näher, je mehr Ecken es besitzt; aber immer bleibt es dem Kreis ungleich. Der perfekte Kreis ist eine Idee von Menschen, er kommt in der Natur nicht vor.

Das Globusspiel (Zeichnung Asja Bölke)

Das Globusspiel

Das wir in unserem gesamten Leben nur nach Perfektion streben, aber sie im Grunde nicht erreichen können, kann man im Hospital auch mit einem Spiel lernen. Das Globusspiel gibt es hier an verschiedenen Orten. Das Globusspiel, das Cusanus – natürlich zusammen mit einer passenden Schrift (De ludo globi / Vom Globusspiel (1462)) – entwickelte, besteht aus einem Spielplan und einer Kugel. Der Spielplan besteht aus neun Kreisen, von denen jeder eine andere Geistesstufe darstellt. Mit einer auf der einen Seite ausgehöhlten Kugel (dem Globus) muss der Spieler versuchen, sich der Mitte der Kreise anzunähern. Die Mitte stellt die höchste Geistesstufe oder das Einssein mit Gott dar.

Durch die Aushöhlung der Kugel – der Mensch ist ja kein perfektes Wesen – verfolgt der Wurf keine gerade Bahn, sondern bewegt sich spiralförmig in immer kleiner werdenden Kreisen, bis die Kugel schließlich auf einem der Kreise zum Stillstand kommt.

Das Verhalten der Kugel erschwert es dem Spieler, den Wurf vorauszusagen. Der Wurf ist, wie das Leben selbst, mehr oder weniger dem Zufall überlassen – obwohl auf der einen Seite makellos rund, verläuft die Bahn des Globus chaotisch und wahllos. Er läuft schneckenförmig, je nach Stärke des Antriebs zu Beginn auch mal ein Stück geradeaus.

Im Spiel wird klar, dass die Bahn durch die Individualität der Kugel bestimmt ist. Während mittelalterliche Aufstiegsschemata Schritt für Schritt zu Gott emporstiegen, liegen in Cusanus Weg einzelne, der Individualität verpflichtete Würfe, die sich aber auch auf ihre Weise in die Ordnung der Kreise einfügen. Das Spiel zeigt, wie sich Geschehnisse in der Welt nicht vorhersehen lassen und sich immer neu zusammensetzen. Der Globus ist auch deshalb nicht vollkommen rund, weil jede für uns sichtbare Gestalt oder Rundheit nie vollkommen ist. Die Rundheit der Welt hat sozusagen einige Dellen.

De pace fidei – Vom Frieden im Glauben

Lesenswert ist Nikolaus von Kues auf jeden Fall, aber besonders einer seiner Texte ist immer noch hochaktuell. Über den Frieden im Glauben (De pace fidei) ist wohl die Schrift, bei deren Abfassung Cusanus am meisten von der historischen Realität seiner Zeit geleitet worden ist. Er schrieb das Werk unter dem Eindruck des Falls von Konstantinopel. Am 29. Mai 1453 eroberten die Türken die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches – damit war das ehemalige Römische Imperium endgültig Vergangenheit. Dieses Ereignis traf Cusanus, der sich früher als Diplomat in Konstantinopel aufgehalten hatte, so tief, dass er eine Schrift über die Weltreligionen verfasste. In der Einleitung nennt er selbst seinen Schreibanlass – die Grausamkeiten, die auf beiden Seiten während des Kampfes um Konstantinopel verübt worden sind.

Er schreibt: „Den verschiedenen Nationen hast Du (Gott) verschiedene Propheten und Lehrer geschickt, die einen zu dieser die anderen zu jener Zeit. Im irdischen Menschenwesen liegt es nun, dass eine lange geübte Gewohnheit, die zur Natur geworden ist, schließlich als Wahrheit verteidigt wird. So entstehen, wenn jedes Gemeinwesen seine Überzeugung dem Glauben der anderen voranstellt, nicht geringe Gegensätze. […] Wenn Du so zu walten Dich herablässest, dann wird ruhen das Schwert, der scheelsüchtige Hass und jedes Leiden, und alle werden einsehen, dass unter der Verschiedenheit der religiösen Bräuche nur eine Religion besteht.

Wenn aber dies Verschiedenheit der Bräuche nicht aufgehoben werden kann, oder ihre Beseitigung nicht zweckdienlich erscheint, insofern Verschiedenheit zur Erhöhung der Frömmigkeit beiträgt, weil ein jedes Land mit seinen religiösen Übungen, die es Dir als König für genehm hält, einen größeren Eifer zu entfachen sucht, so soll wenigstens, wie Du nur ein Einziger bist, nur eine Religion und eine Gottesverehrung sein. Schenke uns also Versöhnung, o Herr, denn Dein Zorn ist Liebe und Deine Gerechtigkeit ist Erbarmen!“

Stadtpanorama von Bernkastel-Kues mit Cusanus-Stift. (Foto: fotolia)

Die Kernaussage von Nikolaus Cusanus ist, dass es im Grunde nur eine einzige wahre Religion gibt, auf deren Voraussetzung die Weltreligionen gemeinsam beruhen. Cusanus betont nicht die Differenzen in den verschiedenen theologischen Systemen, sondern arbeitet die Voraussetzungen heraus. Er inszeniert dazu in De pace fidei ein fiktives Gespräch, an dem gelehrte Vertreter von siebzehn verschiedenen Religionen und Völkern, wie Christen verschiedener Regionen, Araber, Juden und Inder beteiligt sind. Sie werden zuerst vom Logos, dem Wort Gottes, angesprochen, dann von Petrus und Paulus, den Vertretern des Logos. Das Gespräch ist darauf angelegt, dass die Vertreter zu „einer einzigen Religion in der Verschiedenheit der Riten“ finden, statt religiöse Konflikte mit Waffengewalt zu lösen. Mit Bezug auf eine andere Schrift von Cusanus De filiatione die (von der Gotteskindschaft) kann man sich das Gespräch so vorstellen, dass die Vertreter der Religionen im Kreis um das Wort Gottes oder seine Vertreter stehen und in den jeweiligen Diskussionen ihre Spiegel in denen sie Gott sehen, polieren. Jede Religion hat ihren eigenen Spiegel und sieht Gott in diesem. Und wie wir bei jedem Einkaufsbummel in der Umkleide selbst erleben, sind Spiegelbilder sehr unterschiedlich. Mal ist man schöner, mal viel dicker als gedacht.

Cusanus starb am 11. August 1464 in Todi (Umbrien). Begraben wurde er in Rom in San Pietro in Vincoli, sein Herz jedoch wurde nach Kues gebracht und in der Kapelle seines Stiftes beigesetzt.

Mehr über das Leben und Werk des Nikolaus von Kues gibt es hier.

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About Asja Bölke

Als Kunsthistorikerin, Stadtführerin in Köln und Reiseleiterin bin ich immer wieder auch in der Region zwischen Trier und Köln unterwegs. Mich faszinieren besondere Orte, die man in der Eifel oft ganz überraschend finden kann.

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