Magisch und voll sagenhafter Geheimnisse: Das Hohe Venn

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Wer das Hohe Venn, jene 4500 Hektar große Moorlandschaft hinter Monschau betritt, der hat das Gefühl, als begebe er sich in ein Reich außerhalb des Vertrauten. Aus der Zeit gefallen ist die Landschaft, wie ein Blick zurück in jene Vergangenheit, als es uns Menschen noch gar nicht gab. Seit jeher regt das Hohe Venn die Fantasie der Menschen an. Zahlreiche Mythen und Legenden ranken sich um diese außergewöhnliche Naturlandschaft.

Urwüchsige Landschaft mit reicher Vergangenheit

Rau ist die Natur hier und ein falscher Tritt kann einen unachtsamen Wanderer in arge Bedrängnis bringen. Nebel wabern zwischen den Bäumen des Hochplateaus; ein kalter Wind weht über die sich weithin erstreckende Moorlandschaft, die nur von den Heideflecken unterbrochen wird. Still ist es hier oben und nichts ist, wie es scheint. Die Winter sind lang und es regnet oft. Manchmal reißt die Wolkendecke über Wochen nicht auf und der Nebel lichtet sich viele Tage lang nicht. Schnee und Nebel können plötzlich hereinbrechen und Besucher verwirren. Seltene Tier- und Pflanzenarten finden sich hier; eine urwüchsige und geheimnisumwitterte Landschaft, wie es sie auf der Welt nicht noch einmal gibt. Das Wort »Venn« stammt aus dem Niederdeutschen und bedeutet so viel wie »Morast« oder »Sumpf«. Der größte Teil des Hohen Venns liegt auf belgischem Staatsgebiet. Früher nutzten die Vennbauern das Hochmoor zum Torfstechen und trafen dabei auf so manchen Zeugen der Vergangenheit: Tier- und Menschenknochen und Überreste früherer Bewohner des Venns. Heute steht das Venn unter Naturschutz. Am Tage kommen die Gruppen, die im Gänsemarsch über die Stege und durch die Rinnen laufen und fasziniert die einzigartige Natur betrachten.

Der Hüter des Venns

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Behütet wird das nach alten Sagen Venn vom Venngeist, der jedem, der die Natur nicht achtet, mit lautem Geheule die Schranken weist. Freundliche Wanderer, die es wagen, eine Nacht im Venn zu verbringen, können die Nebeljungfrauen beim Tanz über dem Moor beobachten, sollte es der Mond doch einmal schaffen, die Wolkendecke zu durchdringen. Die vielen kleinen Tümpel sind bewohnt von Wassergeistern, die mal neckisch, mal freundlich ihren Schabernack mit jenen treiben, die ihnen zu nahekommen. Kobolde, Elfen und Naturgeister bevölkern das Venn und inspirieren bis heute zu immer neuen Geschichten rund um die sagenhafte Landschaft in knapp 700 Metern Höhe. Auch die Pflanzen im Hohen Venn haben angeblich magische Kräfte: Wer auf das Irrkraut tritt, der kommt vom rechten Wege ab und verschwindet im Moor. 

Abgestorbene Bäume im Moor. (Foto: fotolia)

Die Seelen im Moor

»Was das Moor nimmt, das gibt es nicht wieder her«, raunen sich die Menschen noch heute zu. Und: »Das Moor fordert seine Opfer.«

So soll eine Moorhexe hier ihr Unwesen treiben und so manchen einsamen Wanderer von seinem Weg abgeführt haben. Kinder entführte sie und stieß sie in die morastigen Tümpel. Ihr Gesang sei so schön, dass der Wanderer ihm wie verzaubert in sein Unglück folge, bis Jahre später nur noch seine bleichen Knochen von seinem Schicksal künden. Es finden sich im Hohen Venn zahlreiche Kreuze, die über die Jahrhunderte hinweg an die erinnern, die hier im verwunschenen Venn ihr Leben ließen. Manche Tragödie spielte sich hier ab. Das »Kreuz der Verlobten« erzählt von der tragischen Geschichte eines jungen Paares aus Bastogne und Xhoffraix, das sich im Januar 1871 im Venn verirrte. Die Braut erfror in ihrem Hochzeitskleid, ihr Verlobter wurde im März als Moorleiche gefunden. Auch aus anderen Gründen errichtete man im Moor Kreuze. Sie erinnern an Brände, Unfälle und Morde und andere Begebenheiten, die die Mythenwelt des Venns bereichern. Als schönstes Kreuz gilt das Belle-Croix, das an einen Reumütigen aus dem 19. Jahrhundert erinnert, der Gott um Vergebung bat; ein mehr als fünf Meter hohes Kreuz in der Gemeinde bei Jalhay wurde im Gedenken daran errichtet und ist bis heute zu sehen. Andere Kreuze erinnern an die Gefallenen vergangener Kriege.

Moor-Kreuz bei Nebel.(Foto: Creative Commons CC0)

Zwischen Geschichte und Legenden

Kaiser Karl der Große rastete, ermüdet von einem langen Ritt, auf einem Quarzfelsen bei Mützenich an der deutsch-belgischen Grenze, und hinterließ dort seinen Abdruck. Noch heute ist dieser als »Kaiser Karls Bettstatt« auf einem Stein zu sehen. Dort soll sich nach alter Überlieferung auch ein Erdweibchen herumtreiben, ein Märchenwesen mit silbernem Haar, das Kinder bittet, es zu kämmen. Wer dem nachkommt, wird reich beschenkt. Der heilige Hubertus soll im Hohen Venn die Erscheinung des Kreuzes in einem Hirsch gehabt haben und zum Dank den Vennbauern sein Pferd hinterlassen haben, das ihnen manchmal über Nacht die Felder pflügt.

Eine der bekanntesten Figuren des Hohen Venn ist Michel Schmitz, Begründer der Baraque Michel. Er lebte Ende des 18. Jahrhunderts und ist bis heute in vielen Sagen und Überlieferungen lebendig. Eigentlich Schneider, wurde er zu einem Widerständigen gegen die politischen Verhältnisse seiner Zeit, der in der Einsamkeit des Venns und seiner rauen Landschaft einen Rückzugsort suchte. Einigen Besuchern spielte er derbe Streiche, andere rettete er davor, im Moor verloren zu gehen, und auch fromm war er. Die Baraque Michel errichtete er, als er selbst in letzter Sekunde vor dem Tod im Moor gerettet worden war, und als seine Familie einen adeligen Jäger aus dem Schneegestöber barg, schenkte dieser ihnen eine Glocke, die sie fortan jeden Abend läuteten, damit sich niemand in den Tiefen des Venns verirrte.

Sagenumwobene Landschaft des Hohen Venns inspiriert zu Mythen und Legenden. (Foto: fotolia)

Inspiration bis heute

Die Eifeldichterin Clara Viebig besuchte das Venn in ihren späteren Jahren häufig und verfasste zahlreiche Novellen und Romane rund um das Hohe Venn und seine Sagenwelt. Auch in vielen Eifelkrimis spielt die geheimnisumwitterte Kulisse des Venns bis heute eine wichtige Rolle. Hier verwischen die Grenzen zwischen Realität und Traum, zwischen Wirklichkeit und Zwischenwelt und so manch verwunschener Pfad führt direkt in das Reich der Geister und Naturwesen. Der belgische Dichter Albert Bonjean griff zahlreiche der alten Überlieferungen in seinen Gedichten auf. Ein Denkmal gegenüber der Baraque Michel erinnert noch heute an ihn. Bis heute inspiriert die sagenumwobene Landschaft des Hohen Venns die Fantasie ihrer Besucher.

(Titelfoto: fotolia)

 

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About Sarah Rubal

Sarah Rubal, geboren 1984, ist Autorin. Ihre Vorfahren stammen aus Lommersdorf bei Blankenheim. Schon seit ihrer Kindheit ziehen sie die Sagen und Geschichten der Eifel in ihren Bann. Ihr aktueller Eifel-Thriller "Alle Rauhnacht wieder" ist gerade erschienen.