Links, rechts, seitwärts, vorwärts – So sieht Pilgern in der Eifel aus

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Was wie der aufmunternde Befehl des Tanzlehrers zum Erlernen der Rumba klingt, ist seit 1947 die offizielle Schrittfolge der Echternacher Springprozession. Es ist Dienstag nach Pfingsten, in der luxemburgischen Stadt Echternach haben sich tausende Pilger aus der gesamten Eifelregion eingefunden, um das Grab des Hl. Willibrord zu besuchen. Das gewöhnliche Pilgern endet hier, in Echternach an der ehemaligen Reichsabtei, denn hier beginnt die „Springprozession“: In Fünferreihen, mithilfe von weißen Tüchern mit dem Nachbarn verbunden, springen die Pilger in einem ganz eigenen Rhythmus durch die Straßen der Stadt bis zur Basilika. Begleitet werden sie von zahlreichen Musikgruppen, die eine immer wiederkehrende Melodie spielen, die auf eine einfache, Polka-ähnliche Volksweise zurückgeht.

Einzigartig in Europa und als Unesco-Weltkulturerbe ausgezeichnet

Die Echternacher Springprozession ist die einzige erhalten gebliebene Prozession dieser Art in ganz Europa. Grund genug sie seit 2010 auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes, genauer gesagt auf die Seite der immateriellen Kulturgüter, welche Riten und Rituale beinhaltet, zu setzen. Dieser Status sorgt mit dafür, dass der Fortbestand der Springprozession gesichert ist. Während die heutige Form der Prozession auf das 19. Jahrhundert zurückgeht, kann man ihre Wurzeln anhand von Quellen bis ins Mittelalter zurückverfolgen.

Der Hl. Willibrord aus Nordengland

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Die genaue Entstehung der Tradition ist jedoch bis heute ungeklärt. Vieles deutet aber darauf hin, dass die Springprozession aus heidnischen Ritualen entstanden ist und auf Willibrord zurückgeht, der um 658 in Nordendland geboren wurde. Nach seiner Ausbildung in Irland übersiedelte der angelsächsische Mönch auf das Festland, um als Missionar tätig zu sein. So kam er über Friesland auch in das Gebiet nördlich der Mosel, wo ihm die Äbtissin Irmina von Trier ein Grundstück schenkte. Willibrord gründete darauf das Kloster Echternach – in dem er später – auf eigenen Wunsch hin – im Jahr 739 im Chor der Basilika begraben wurde.

Früher glaubten die Menschen, dass die Beteiligung an der Springprozession helfe, Erkrankungen wie Epilepsie, Krämpfe oder Nervenkrankheiten bei Menschen und Tieren zu heilen. Die Pilger kamen meist von weit her angereist, hatten oft schon einen Fußweg von beinahe 100 Kilometern hinter sich und so manche Strapaze auf sich genommen. So wurde der Weg nach Echternach für den ein oder anderen Gläubigen bisweilen tatsächlich sein letzter Gang. In alten Quellen liest man noch, dass früher auf der Pilgerreise aus der Eifel zwei Särge mitgeführt wurden, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein.

Noch heute sind zahlreiche Pilgergruppen aus der Eifel, besonders aus dem Prümer Raum, fester Bestandteil der Springprozession und führen diese sogar in Echternach an. In Prüm sammeln sich am Pfingstsonntag Gläubige aus dem ganzen Bundesgebiet, um gemeinsam über Niederprüm, Waxweiler, Neuerburg, Sinspelt, Mettendorf und Bollendorf in einem Zweitagesmarsch am Pfingstdienstag an der Echternacher Springprozzession teilnehmen zu können. An der Brücke von Echternacherbrück warten die Bischöfe und weitere Pilger auf die Gruppe aus der Eifel, denn hier beginnt nun die eigentliche Springprozession. Für viele Pilger und Gläubige ist das der Höhepunkt eines jeden Kirchenjahres.

Die Echternacher Springprozession ist seit hunderten von Jahren tief im Brauchtum der Eifel verwurzelt. Kaum zu glauben, dass der Trierer Erzbischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen 1778 ein Verbot der Prozession erließ. Die Menschen ließen sich aber davon nicht beirren und hielt weiterhin an den Wallfahrten fest.

Die Benediktinerabtei in Trier mit dem Grab des Hl. Matthias. (Foto: Autorin)

Das Grab des Hl. Matthias in Trier

Vor fast 900 Jahren entdeckte man 1127 bei den Abrissarbeiten der alten Kirche in der Benediktinerabtei in Trier ein Grab mit den Reliquien des Hl. Apostels Matthias. Sogleich setzte ein Pilgerstrom ein, der bis heute rund 160 Gruppen pro Jahr nach Trier führt.

Seit dem Mittelalter sind zahlreiche Matthiasbruderschaften entstanden, die sich um die Organisation der Pilgerfahrten kümmern. Und das ist auch notwendig, denn die Matthias-Wallfahrten dauert gut und gerne vier bis neun Tagen, bisweilen legen die Pilger bei den Prozessionen insgesamt mehr als 300 Kilometer zurück. Die Hauptpilgerzeit finden im Mai statt, genauer zwei Wochen vor und zwei Wochen nach Pfingsten. Der Hauptpilgertag fällt dabei auf das Fest der Wahl des Apostels (am Samstag nach Christi Himmelfahrt). Aus zahlreichen größeren und kleineren Dörfern wie Ripsdorf, Blankenheim, Frohngau oder Gemünd, Kommern, Kall oder Reetz sind Pilgergruppen in diesem Zeitraum auf ihren langen Märschen nach Trier unterwegs. Ihr Ziel ist das Grab des Heiligen Matthias, das sich seit 2007 in der Krypta der Basilika befindet. Eine gotische Liegefigur des Apostels ruht aufgebahrt vor dem Altar der Kirche.

Die Liegefigur des Apostels Matthias. (Foto: Autorin)

Pilgerstätten in der Eifel

Neben den beiden Heiligen Matthias und Willibrord ist Hermann-Josef aus Steinfeld, der dritte sogenannte Eifelapostel, der zahlreiche Gläubige in den kleinen Ort bei Kall zieht. Hermann, 1150 in Köln geboren, schenkte der Muttergottes in der Kirche Maria im Kapitol fast täglich einen Apfel. So kam er zu seinem Namen als Apfelheiliger. Mit 12 Jahren kam Hermann nach Steinfeld, arbeitet hier als Priester und wurde nach seinem Tod 1241 im Kloster beigesetzt. Viele Besucher legen nach Hermanns Vorbild auch heute noch einen Apfel auf sein Grab.

Ein weiteres Ziel vieler Pilger ist das Gnadenbild in der heutigen Salvatorkirche in Heimbach. Der dort ansässige Heinrich Fluiter entdeckte 1460 bei einem Besuch in Köln die Skulptur einer Pietà, die er umgehend einkaufte. Diese Figur stellte er zurück in Heimbach, in einem nahen Wald auf und errichtetet eine kleine Kapelle sowie einen Unterschlupf für sich selbst. Diese Tatsache allein lockte zahlreiche andere Besucher in den Wald, die zu Gebet und Andacht die Skulptur der „schmerzhaften Muttergottes“ aufsuchten. Bereits 1487 wurde darufhin das Kloster Mariawald gegründet, in dessen Klosterkirche sich bis zur Säkularisation das in einen Schnitzaltar eingefügte Gnadenbild befand. Seit 1981 ist die Figur im Altar der neuen Salvatorkirche in Heimbach untergebracht. Jährlich kommen 60.000 Pilger nach Heimbach, traditionell in der Wallfahrtsoktav, die am Samstag nach dem 2. Juli beginnt.

In Klausen an der Mosel begab es sich ganz ähnlich: Eberhard von Klausen stellte 1440 das Bildnis einer „Schmerzhaften Muttergottes“ in einer Baumhöhle auf und sogleich begann die umliegende Bevölkerung diesen Ort aufzusuchen. Um 1444 wurde eine Kapelle errichtet, da von zahlreichen Gebetserhöhungen und Wundern gesprochen wurde. Die Kirche Maria Heimsuchung wurde 1502 geweiht und stellt seitdem den bedeutendsten Sakralbau der Spätgotik in der Südeifel und an der Mosel dar. Heute kommen bis zu 100.000 Pilger pro Jahr in den kleinen Ort, um vor dem Gnadenbild niederzuknien und ein Zwiegespräch zu führen.

Die Strapazen des Pilgerns

Es sind oft persönliche Motive, die die Menschen dazu bewegen, die Strapazen des Pilgerns auf sich zu nehmen. Manche haben ein Gelübde abgelegt, andere danken für die Heilung von einer schweren Krankheit oder möchten eine Bitte für sich oder einen anderen Menschen vortragen. Auch hilft die Gemeinschaft mit anderen Gleichgesinnten, bestimmte Lebenslasten besser zu ertragen. Vieles kommt auf solchen Wallfahrten zusammen: Anstrengungen, Mühen, gemeinsames Beten, Essen, die Natur erleben, Schweigen, das Schweigen brechen und sich austauschen. Im Alltag kommen diese Dinge häufig zu kurz, beim Pilgern bieten sich Möglichkeiten, sich zu öffnen und dabei andere sowie sich selbst besser kennen zu lernen.

Eine Schautafel am Jakobsweg in der Eifel. (Foto: Autorin)

Der Jakobsweg – „Ich bin dann mal weg“

Seit Hape Kerkelings Bestseller: „Ich bin dann mal weg“ haben die Pilgerströme auch in der Eifel zugenommen. Der Jakobsweg, erkennbar an den Wegemarkierungen mit der Muschel, zieht sich durch die gesamte Eifel. Zahlreiche Schautafeln und Hinweisschilder geben den Pilgern wichtige Informationen mit auf ihren Weg.

Eigentlich war pilgern nie wirklich „out“ – heute ist es modern, aufgeschlossen und folgt doch gleichzeitig den alten Traditionen. Pilgerten die Menschen früher fast ausschließlich aus religiösen Motiven, so steht heute häufig eine andere Motivation im Vordergrund: Alltagsstress vergessen und den Kopf frei bekommen. Die Menschen sind auf der Suche nach einer spirituellen Erfahrung, die sie alleine, in einer Gruppe von Gleichgesinnten, auf ihrem Weg erleben möchten.

Am Ende bleibt das Pilgern immer auch eine Suche nach sich selbst. Umgeben von wildromantischer Natur wie in der Eifel, lohnt es sich besonders, dem Alltag ein Schnippchen zu schlagen und seinem Umfeld mitzuteilen: „Ich bin dann mal weg!“

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