Im Pilgerland

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Wer zwischen Ostern und Oktober durch die Eifel fährt oder wandert kann sich wundern: Über große wie kleine Pilgergruppen, unterwegs zu einer ganzen Reihe teilweise seit vielen Jahrhunderten bekannten Wallfahrtsorten. Eifelland- Pilgerland.

Auf nach Echternach zur „Springprozession“: Die Wallfahrer auf ihrer 68-Kilometer Strecke an Pfingsten unterwegs in der Eifel..

Mensch Willibrord! Da ist der Erzbischof von Utrecht aus dem luxemburgischen Echternach, Sitz seines Filialbistums, in der West- und Südeifel auf Missionsreise unterwegs – und dann das: Um ein Feuer herum führen Eifeler im damaligen Weiler Waxweiler Veitstänze auf. Das soll gegen epileptische Erkrankungen des Viehs helfen. Heidnisches Brauchtum, das dem „Eifelapostel“ aber gar nicht gefällt. Er hat Charisma genug, es zu unterbinden.

So – oder so ähnlich – soll das 729 gewesen sein als der Missionar, geschult wie Kollegen aus Irland von Bonifatius, die erstmals 1497 dokumentierte Bußwallfahrt aus dem Eifeldorf nach Echternach begründet hat. Möglicherweise war damit zugleich auch eine Abgabenprozession verbunden – die Südeifel gehörte zum Machtbezirk des Echternacher Bistums. Wahrscheinlich ist aber, dass die Wallfahrt schon spätestens nach dem Tod des Wortgewaltigen 739 begann. In der merowingischen Krypta der Echternacher Basilika ist Willibrord beigesetzt. Dort endet seit Jahrhunderten das wohl berühmteste „Gebet mit den Füßen“: Die Echternacher Springprozession am Dienstag nach Pfingsten, Ziel auch der mehreren hundert Pilger, die sich seit 1860 alljährlich von Prüm aus über Waxweiler auf die dreitägige 68 Kilometer lange Fußwallfahrt ins Städtchen an der Sauer machen. Hier treffen sie auf bis zu 15.000 Gleichgesinnte aus dem gesamten BeNeLux-Gebiet. Eine eigene Nachtwallfahrt von Jugendlichen startet von Trier. Trier ist auch für Eifelpilger das Ziel bei den  „Heilig-Rock-Tagen“ im Dom der Stadt.

Nach Echternach – das ist bei weitem nicht die einzige Pilgerroute in der Eifel. 1440 zum Beispiel begründete der Marienverehrer Eberhard von Klausen in Klausen (Mosel-Eifel) mit dem Aufstellen einer Figur der „Schmerzhaften Mutter Gottes“ in einer kleinen Holzkapelle eine ähnlich große Tradition. 1502 wurde in Klausen die prachtvolle spätgotische Hallenkirche fürs Pilgerziel erbaut. Schlicht aus Platzgründen: Jährlich über 100.00 Menschen pilgern mittlerweile hier hin. Zu Fuß, per PKW oder Bus. Zwischen Mai und Oktober sind sie vielleicht über den mittlerweile bekannten „Eifel Camino“ von Andernach nach Trier gekommen. In Klausen vereint sich einer der  – hier nur umbenannten – Matthias-Pilgerwege mit einer weiteren Pilgerroute entlang der Mosel. Matthias ist neben Willibrord und Hermann-Josef einer der drei „Eifel-Apostel“. Hermann-Josef ist – natürlich ebenfalls ein wichtiges Pilgerziel – in der Basilika des Klosters Steinfeld beigesetzt.

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Bernhard Schneider muss wissen, warum sich seit Jahrhunderten die Menschen aus der Eifel vor allem auf die Fußwallfahrt machen: „Das Beten erleichtert das Gehen, das Gehen das Beten!“ So einfach sei das, wenn man 100 Kilometer durch Wald, Wiesen und Felder von Ripsdorf nach Trier zum Matthias-Grab pilgere, meint der 83-Jährige. 60 Jahre lang war er dabei, in den letzten Jahren vielleicht nicht mehr die ganze Strecke –  aber seit 1972 war Schneider sogar über Jahrzehnte einer von vier Brudermeistern der vor 80 Jahren gegründeten Bruderschaft Ripsdorf-Hüngersdorf.

80 Jahre – damit ist die Glaubens- und Pilgergemeinschaft über drei Tage, traditionell beginnend an Christi Himmelfahrt, in diesem Jahr mit 126 Teilnehmern, eine der älteren der Eifel. Pilgern – das ist aber auch was eher für die „Ü50“-Jährigen? „Bei uns nicht. Unser Schnitt liegt bei um die 40“, so Brudermeisterin Brigitte Moßler. Auch der 14-jährige Florian Greuel war dieses Mal mit dabei – nicht zum ersten Mal und er war nicht der einzige Teenager.

Warum gehen die Eifelpilger etwa auch nach Heimbach zum Gnadenbild in der Wallfahrtskirche bei der achttägigen Wallfahrtoktav Anfang Juli? „Ja, Pilgern ist modern geworden. Viele tun es nur für sich, der Selbstfindung wegen. Pilgern heißt aber doch vor allem: sich zu seinem christlichen Glauben zu bekennen!“ Aloisia Theißen-Fuß hat gerade Anfang Juli die 28 Kilometer von Monschau-Rohren nach Heimbach mit 23 Mitpilgern hinter sich gebracht. An diesem Tag erwarten sie und die anderen rund 800 Wallfahrer sogar Grußworte des neuen Aachener Bischofs Dr. Helmut Dieser.

Festliches Pontifikalamt für die Pilger vor dem Heimbacher Gnadenbild im gotischen Schnitzaltar zur Eröffnung der diesjährigen „Wallfahrtsoktav“ mit Aachens Bischof Dr. Helmut Dieser.

Wo der sich beeindruckt zeigt, sahen das seine Kollegen in der Vergangenheit durchaus anders: Die Volksfrömmigkeit der Eifeler – etwa auch nach Langenfeld in der Vordereifel – war ihnen nicht geheuer. 1777 sprach der Trierer Erzbischof und Kurfürst Clemens Wenzeslaus sogar einen Verbotsukas für die Echternacher Springprozession aus, 1786 griff Kaiser Joseph II. zum gleichen Mittel. Unterbunden hat es das Bedürfnis der Gläubigen nicht.

Sie haben alle ihr persönliches Gebetsanliegen, das sie zum Beispiel über die 100 Kilometer von Ripsdorf nach Trier oder die 68 Kilometer von Prüm nach Echternach trägt. Ein Gelöbnis nach einer überwundenen schweren Erkrankung, die Bitte vor dem Gnadenbild um Genesung von Anverwandten. In den späten 1940er und 1950er Jahren war es bei Vielen der Dank, den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben. Dazu gibt es Gebete und Kirchenlieder. Die Echternachwallfahrer aus der Eifel werden dabei auf Teiletappen durch Musikvereine aus den Dörfern entlang der Strecke unterstützt.

Warum es gerade in der Eifel eine so lebendige Pilgertradition gibt – Gründe und Mutmaßungen gibt es viele. Die Region ist ein traditionell katholischer Landstrich – obwohl das Pilgern nicht direkt mit der Amtskirche zu tun hat. Lambert Michely aus Buchet hat wie alle Wallfahrer seine ganz persönliche Motivation. Schon zweimal ist er in Santiago de Compostela gewesen. „Jakobsweg“-Routen Richtung Santiago de Campostela, erkennbar an der Markierung mit der Muschel – durchziehen die gesamte Eifel. Michely ist sowohl den – seit Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ völlig überlaufenen – „Camino Francés“ gegangen, wie den „Küstenweg“, der ihm wesentlich besser gefällt. Ihm geht es nicht um Leistung sondern um spirituelle Erfahrung. Die findet er – mit sich allein – unterwegs.

Geschafft: Lambert Michely aus Buchet mit den 44 Etappenstempeln seines Jakobsweges nach Santiago de Campostela auf der „Küstenroute“.

Doch so weit weg muss es gar nicht sein. Für Manche reicht das kleine Barweiler nahe des Nürburgrings. 1726 retteten Bürger aus dem knapp acht Kilometer entfernten  Üxheim hierhin ihr Muttergottesstandbild vor den Bilderstürmern im Zuge der Spätreformation. Mädchen aus Barweiler schmückten die neue Muttergottes in der Pfarrkirche mit einer Lilie. Sie erblühte Monate später plötzlich neu. Das Barweiler „Lilienwunder“. Noch im gleichen Jahr erreichte eine erste Pilgergruppe aus Krekel den neuen Wallfahrtsort. Die Wallfahrer hatten ein Gelöbnis abgelegt: Nach Barweiler zu pilgern in der Hoffnung, vor der herannahenden Pest verschont zu werden. Als Gotteslohn für den Fußweg.

Die Zeiten, als der „Schwarze Tod“ ganze Landstriche der Eifel fast entvölkerte sind lange vorbei. Die Pilgerschaft nach Barweiler blieb. Etwa auch aus Blankenheimerdorf. Start in diesem Jahr: 17. September, neun Uhr an der Pfarrkirche. Was es dann braucht? Gute Schuhe und eine Regenjacke. Der Rest findet sich.

Literatur zum Thema:
Wolfgang Scholz, Franz Bauer, Dieter Preß & Heinz Schäfer: Outdoor- der Weg ist das Ziel; Eifel-Camino – von Andernach nach Trier. Bei Amazon
Walter Töpner: Pilgerland Eifel, Wege und Wallfahrtsorte. Bei Buecher.de

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About Stefan

Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

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