Gefeiert wie ein Popstar: ‚A Dirty Old Man‘ aus Andernach

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Am 16. August 1920 erblickte in der Aktienstraße 12 in Andernach am Rhein ein kleiner Junge namens Heinrich Karl das Licht der Welt, der später als Charles Bukowski einer der bekanntesten Autoren der amerikanischen Literatur werden sollte.

Nach dem ersten Weltkrieg war der Besatzungssoldat Henry Bukowski in der Eifel stationiert und traf in der Bäckerjungenstadt seine spätere Ehefrau Katharina Fett. Ihr Bruder Heinrich arbeitete damals als Fahrer im US-Militärcasino und nahm die Andernacherin öfter zu den Festen der Soldaten mit. Doch die alliierte Rheinlandbesetzung der US-Army endete schon im Januar 1923 und so zog die junge Familie mit ihrem kleinen Sohn in die Geburtsstadt des Vaters, nach Los Angeles.

Nach langer Schiffsüberfahrt in Amerika angekommen, konfrontierte die herrschende Wirtschaftskrise die Bukowskis. Der Soldat Henry wurde nach dem Abschluss seines Wehrdienstes arbeitslos und war notgedrungen als Milchlieferant unterwegs. Das Leben in der großen weiten Welt war ärmlich, zusätzlich war der Vater oft betrunken und vergnügte sich mit anderen Frauen.

Nach der keinesfalls glücklichen Jugend und ständigen Auseinandersetzungen mit dem gewalttätigen Vater, der ihn schließlich aus der elterlichen Wohnung warf, studierte Bukowski Journalismus und versuchte sich früh – aber noch wenig erfolgreich – als Schriftsteller. Später verarbeitet er diese trostlosen Zeiten in seinem autobiographischen Roman „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“.

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Seine Liebe zur Literatur aber auch der übermäßige Alkoholkonsum machten Bukowskis in vielen Lebensphasen vermeintlich erträglich. Kaum sesshaft und zunehmend herunter gekommen lebte er ziellos in verschiedenen Städten wie New Orleans, Miami Beach, New York, Atlanta, Chicago und Philadelphia, saß sogar wegen Trunkenheit im Gefängnis und in der Psychiatrie. Seine Erfahrungen als Außenseiter am gesellschaftlichen Abgrund verarbeitet Bukowski im Leben seiner Romanfiguren.

Das literarische Geheimnis Bukowskis

Der eigenartig-verschrobene Henry Charles alias Hank Chinaski ist das literarische Alter Ego von Charles Bukowski und zugleich der Hauptdarsteller vieler seiner Gedichte und Romane. Die Grenze zwischen seinem zweifelhaften Helden und dem Autor selbst bleibt das literarische Geheimnis von Bukowskis Schreibkunst. Eine Trennung zwischen fiktiver Biografie und realen Begebenheiten fällt oft schwer.

Geburtshaus Bukowskis in der Aktienstraße 12 in Andernach. (Foto: Autorin)

Tiefe Melancholie, Elend, Alkohol, Sex, Brutalität und ein sehr düsterer Humor beschreiben seine Sicht einer alltäglichen Hölle des Lebens. In verschiedenen Liebesbeziehungen fand Bukowski kurzfristig Halt, arbeitet als Briefzusteller und bei der amerikanischen Postbehörde. Seine Erlebnisse schrieb er sich in seinem ersten Roman ‚Post Office‘ von der geschundenen Seele. Bukowski verfasste in diesem Lebensabschnitt viele Kurzgeschichten, die als wöchentliche Kolumnen in der Zeitung von Los Angeles und später als Buchform ‚Notes of a Dirty Old Man‘ erschienen. Im Verleger der Black Sparrow Press fand Bukowski einen neuen Gönner. Ab 1970 gab er den Job bei der Post auf und lebte ausschließlich von den Veröffentlichungen seiner Werke.

In Deutschland gefeiert wie ein Popstar

Während der Schriftsteller in den USA zweifelhafte Titel als ‚Outsider des Jahres‘ oder ‚der in Buchläden meistgeklaute Autor‘ erlangt, gelingt ihm gegen Ende der 1970er Jahre in Europa und auch hierzulande der Durchbruch. 1978 besucht er Deutschland und wird bei seinen Auftritten gefeiert wie ein Popstar. Bei Bukowskis Lesungen stand regelmäßig auch ein Kühlschrank neben ihm auf der Bühne, um den Nachschub an kühlen Getränken zu sichern. Die Deutschlandreise führt den Schriftsteller erstmals zurück in seine Geburtsstadt. In Andernach besucht Bukowski seinen Onkel Heinrich, der Charles‘ Eltern in den zwanziger Jahren zusammenbrachte. Es entsteht ein inniger Briefwechsel mit dem berühmten Neffen in Amerika, der erst mit dem Tod des Onkels endet.

Museum und Forschungsstätte mit Archiv in Andernach

Trotz seiner kurzen Aufenthaltszeit von nur knapp zweieinhalb Jahren in frühester Kindheit blicken die Andernacher heute mit Ehrfurcht auf den berühmten Sohn ihrer Stadt.

Gedenktafel für Charles Bukowski an der Fassade seines Geburtshauses. (Foto: Autorin)

Eine Gedenktafel ziert das Geburtshaus in der Aktienstraße, die beweist, dass die Stadt am Rhein zurecht Stolz auf die Herkunft des berühmten, wenn auch nicht immer unumstrittenen Schriftstellers ist. Die Charles-Bukowski-Gesellschaft will im Geburtshaus des Schriftstellers ein Museum und eine Forschungsstätte mit Archiv einrichten. Das ehrenamtliche Projekt braucht Zeit, hat aber schon viele Unterstützter gefunden, darunter die Stadt Andernach, der Dachverband literarischer Gesellschaften sowie viele Charle

In seinem bewegten Leben litt Charles Bukowski an vielen Krankheiten und ist mehrfach dem Tode nur knapp entronnen. Im Alter von 73 Jahren verstarb der große amerikanische Dichter am 9. März 1994 in San Pedro bei Los Angeles. Seinen Grabstein ziert die Inschrift ‚Don’t try‘, was sinngemäß heißen kann: versuche erst gar nicht, besser zu sein…

mm

About Jeannette

Vor den Toren meiner rheinischen Heimatstadt liegt die Eifel. Die nahe Mittelgebirgsregion ist häufig Ausflugsziel und Zufluchtsort zugleich. Vielfältige landschaftliche und kulturelle Reize begeistern mich ebenso wie die lebendige Geschichte und die regionalen Spezialitäten. Bei Wanderungen in der abwechslungsreichen Natur sammle ich als Stadtmensch kreative Energie für neue Projekte.

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