Eifeljugend heute: Pragmatische Liebe

Anzeige
Anzeige

Eifeljugend – im zweiten Teil unserer Mini-Serie fragen wir heutige Jugendliche, was sie über diesen Lebensabschnitt auf dem Land denken. Die Ergebnisse sind überraschend. „Bloß weg hier!“ ist jedenfalls keine mehrheitsfähige Meinung.

Ideen muss man haben: Der „Jenny-Nadine-Evelyn“ Fanblock des FC Lieberampool mit Ersatzspieler Maximilian Mauel (links), Norman Heiter (zweiter von links mit Hauptpokal) und Pascal Witt vom ein Fußballfreizeitturnier veranstaltenden Verein Junggesellen Malsbenden in Gemünd

Hannah Fasen, Hannah Schmitz und Luisa Dahmen aus Weyer, Eiserfey und dem „Kakushöhlen-Miniort“ Dreimühlen im Feybachtal bei Mechernich sind wegen Cat Ballou hier. Bei der 25. „Rock- und Popnacht“ in der Blankenheimer Weiherhalle freuen sie sich auf Kölsch-Rock ihrer Lieblingsband. Dass der Erlös des Konzertes dem Förderverein für tumor- und leukämiekranke Kinder Blankenheimerdorf e.V. zugute kommt – passt!

Hannah Fasen (von links), Luisa Dahmen und Hannah Schmitz aus drei Dörfern im Feybachtal gehen aufs Cat-Ballou-Konzert in Blankenheim – und ab und zu fahren sie eben zum Shoppen nach Köln.

Livemusik auch von jungen Bands aus der Region gibt es in der Eifel ganzjährig genug. Die Fans kommen gerne – etwa zur „Willwerath Rock City“ oder der „Projektfete“ in Prüm am 1. Weihnachtstag– wenn man Jemanden hat, der sie vielleicht unterhalb  des Führerscheinalters auch hinbringt. Doch Jugendliche sind erfinderisch. „Taxi Mama“ oder der „Jugendtaxi“ im Landkreis Vulkaneifel können helfen, wenn es gar nicht anders geht. Sich auf den ÖPNV verlassen zu wollen macht auf dem Dorf am Wochenende und erst recht in den Abendstunden wenig Sinn: Dann fährt fast kein Bus nach Nirgendwo.

Die drei 16-Jährigen in Blankenheim verabreden sich wie auch Sören, Jan und Melissa aus Hillesheim, die sich für unser Titelbild fotografieren ließen, über ihre Freundesgruppen auf WhatsApp und anderen sozialen Medien. Und dann, so Sören, wird spontan geschaut „was geht“. Sagen wir‘s konkret: In der Eifel als Jugendlicher zu leben ist kein Schicksalsschlag nicht nur für die Drei in der Weiherhalle.  Sie sind zum Teil gleich in mehreren Vereinen aktiv. „Das machen viele Jugendliche in der Eifel so“, weiß Luisa Dahmen. Weil es keine anderen Freizeitangebote gibt? Das würden manche Jugendliche in der Eifel doch unterschreiben. Mit dem Bekenntnis zu ihrer Eifelheimat tun sich viele Jugendliche allerdings trotzdem nicht schwer. Genauso bewusst sind die Defizite im Vergleich zum Leben in der Stadt.

Anzeige

Genau genommen ist es auf dem Land schlicht anders. Hier muss man flexibler sein und Ideen haben. Nur weil man in der Eifel lebt, ist man schließlich nicht hinter dem Mond. Die Malsbender Jugendlichen aus Gemünd haben ein Fußballturnier für Freizeitmannschaften organisiert. Zwölf Teams mit rund 80 Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren waren zum Auftakt vor einem Jahr dabei. Das Vorbild hatten die Organisatoren in Kalterherberg gesehen. Ob jetzt der FC Lieberampool aus Blankenheim und Schmidtheim oder der FC Besiegdas aus Kall – die Gaudi war groß. Am Ende holte den größten „Pott“ des Turniers, wer als Mannschaft die höchste „Erfrischungsgetränkeverzehrstärke“ bewies. Klar: „Das Turnier geht jetzt jedes Jahr“, so Mitorganisator Pascal Witt aus Gemünd.

Nicht wegen des Alkoholkonsums – der ist für Viele erstens nicht des Teufels, aber bitte sehr überlegt. Doch als Grund für ein ganzes elternfreies „Probenwochenende“ ein Witz. Da würde Frank Reinshagen, Jazzdozent in Köln, der in Kronenburg lebt, nur fassungslos aufblicken. 25 Kinder und Jugendliche leitet er derzeit im Jugendorchester des Musikvereins Frohngau. Die finden nicht nur die Konzerte, sondern eben auch das regelmäßige „Trainingscamp“ an wechselnden Orten mit Proben und Freizeitangebot gut: „Das macht einfach Spaß. Und wir können später auch im großen Orchester des Musikvereins mitspielen“, so Matthias Hien, 17, aus Sasserath.

Musikverein, Junggesellenvereine, Kirmes- oder Heimatvereine, Sportvereine – und, klar, auch im Karneval sind junge Menschen aktiv dabei. In den Dörfern in der Regel wesentlich mehr als in den Mittelstädten. Oder auch in vielen Jugendfeuerwehren der Löschgruppen.

Spaß beim Musik machen: das Jugendorchester des Musikvereins Frohngau.

Die Karnevalsgesellschaft (KG)Eifeler Tal“ wurde vor gut drei Jahren von Jugendlichen selbst gegründet. Alle Mitglieder sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. Sie kommen aus Schleiden, Gemünd und den Dörfern Drumherum. Sie distanzieren sich vom traditionellen Karneval, wollen aber das Brauchtum deshalb nicht aufgeben. Nur eben nach ihren eigenen Regeln. Uniformen, Prinzenpaar, Dreigestirn, Tanzgarden – nicht unbedingt ihre Welt. Außerdem ist ihnen der traditionelle Karneval „einfach zu teuer. So viel Geld haben wir nicht“, heißt es von der KG. Der eigeneWagen für die „Züge“ muss es aber trotzdem sein.

„Mit ausreichend lauter Musik, klar“, betont Markus Mayer, der mit seiner 17-köpfigen Clique aus 16- bis 22-Jährigen einen Festwagen für den Dörferkarneval-Verbund Müllenborn, Kalenborn, Roth und Oos – kurz MüKaRoOs – gebaut hat. 150 Euro zahlte Jeder in die Gemeinschaftskasse ein fürs Projekt. „Das ist eben Karneval pur“, so Christin Rehnelt. Zudem hätten die Älteren bei MüKaRoOs festgestellt, dass jetzt „auch mal die Jungen ran müssen.“

Eifeljugend heute – das ergibt ein differenziertes Bild: Mitmachen, nach den eigenen Regeln, oder einfach, weil es Spaß macht. Und sich immer kleine Fluchten ermöglichen: „Wir fahren natürlich mit dem Eifel-Express Köln-Trier der Bahn auch mal nach Köln zum Shoppen“, so die beiden Hannahs und Luisa in der Weiherhalle in Blankenheim. Doch wie schätzen Jugendliche auf dem Land ihre Perspektiven zu Ausbildung, beruflicher und wohnortnaher Zukunft ein?

Professor Waldemar Vogelsang von der Universität Trier wollte das genauer wissen. „Jugend in der Region“ heißt die Studie, bei der 2000 und 2011 repräsentativ 1728 und 2728 Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren unter anderem im Eifelkreis Bitburg-Prüm befragt wurden.

„Die Landjugend heute ist eine pragmatische Generation“, so das Fazit. Handwerkliche und gewerbliche Berufe bilden nach wie vor das „ökonomische Fundament“ der Region – hier sind auch die meisten Ausbildungs- und Arbeitsplätze für Jugendliche. Sie haben angesichts der dauerhaft niedrigen Arbeitslosigkeit zum Beispiel in den Landkreisen Vulkaneifel und Bitburg-Prüm vom großen Mittelständler bis zu den vielen Handwerksbetrieben nachweislich gute Chancen eine Lehrstelle und im Anschluss einen festen Job zu finden. Doch das ist vielen Jugendlichen nicht bewusst, hat die Studie ergeben.

Die Jugendlichen im Dörferkarneval-Verbund MüKaRoOs bauen sich ihren Wagen für den „Zoch“ selbst. Kein Einzelfall in der Eifel.

Also doch auch mal was Anderes sehen als nur schöne Natur und die Idylle auf dem Dorf, bei aller Wertschätzung der sozialen Bindungen? Wie steht es um „Bleibeorientierung und Abwanderungstendenzen“? Auch das hat das Forscherteam aus Trier gefragt. Ergebnis: Viele Jugendliche halten sich beide Optionen bewusst offen. Benachteiligt gegenüber ihren Alterskollegen aus der Stadt sehen sie sich jedenfalls mehrheitlich nicht. Ihnen bleibt die Eifelheimat – auch nach einer Abwanderung –  „eine Art emotionaler Lebensmittelpunkt, in den man in späteren Jahren durchaus wieder zurückkehren kann“, so die Forscher. Andere Untersuchungen haben allerdings nachgewiesen, dass diese „Distanzbindung“ nach rund zehn Jahren nachlässt oder sogar ganz verschwinden kann.

„In der Eifel ist die Luft gut, und egal wo ich im Dorf hinkomme, ich treffe immer Jemanden, den ich kenne!“ meint Luisa in der Weiherhalle in Blankenheim. So einfach kann das sein. Jetzt ist Cat Ballou auf der Bühne. Kommt ja immer wieder vor: Die Bands kommen in die Eifel. Dann ist die Eifeljugend auch nicht so und geht hin.

Buchtipp:
Bettina Bartzen aus Bollendorf hat in ihrem Buch „Jugend in der Eifel“ Jugendliche aus der Südeifel interviewt und porträtiert. Die lesenswerten Selbstbeschreibungen der Jugendlichen vermitteln einen guten Eindruck zu Einstellungen und Wünschen.

mm

About Stefan

Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.