Der Grenzländer

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Die Eifel grenzt im Westen an Luxemburg und Belgien, Frankreich und die Niederlande sind nicht weit. Die Region liegt mitten in  Europa. In Sichtweite des Grenzdorfes Losheim, noch auf dem Gemeindegebiet, wechselt die deutsch-belgische Grenze auf einem schmalen Streifen sogar im Meter-Takt. Mehr Grenze geht nicht. Michael Balter ist hier aufgewachsen. Er ist der Grenzländer.

Vorne links das Hotel der Familie Balter, dahinter der „Ardenner Cultur Boulevard“, der Delhaize Supermarkt, das „Old Smuggler“-Cafe rechts.

„Erst bin ich ein Mensch, dann Eifeler, dann Grenzländer und dann Europäer“. Michael Balter, 41, tut sich schwer, sich festzulegen. Aber eins ist er nicht: Doppelbürger – obwohl es so nahe liegen würde. Aufgewachsen ist er schließlich in Deutschland und in Belgien. Balter wohnt in der belgischen Grenzgemeinde Büllingen, genauer in Hüllscheid, ganze zwei Kilometer von dem Ort entfernt, der ihn zum Grenzländer macht. Unterhalb des deutsch-belgischen Grenzdorfes Losheim, dort, wo ab 1912 der Bahnhof und ab 1919 die Zollstation war, steht sein Elternhaus.

Die Großeltern hatten unweit eine Gaststätte, dann an heutiger Adresse ein Hotel, das von Balters Eltern weitergeführt wird. Sein Vater Hermann-Josef erweiterte den Familienbesitz um Anbauten. Ein Bruder Michael Balters führt heute das Modelleisenbahnmuseum im Alten Zollamt, er selbst verwaltet für die Familie das „Old Smuggler-Café“ , einen gemeinsam mit einem St. Vither Unternehmer betriebenen Supermarkt, er leitet eine große Verkaufshalle, und das Ausstellungsgebäude mit dem „Ardenner Cultur Boulevard“, mit unter anderem der weithin bekannten Ars Krippana, der Ars Mineralis und der Ars Figura.

In Nord-Süd Richtung verläuft an diesem besonderen Grenzpunkt die B 265 von Prüm nach Monschau, von Osten kommt die B 421 von Stadtkyll. Doch an der Kreuzung von der heutigen Grenzstraße B 265 mit der belgischen Nationalstraße 34 nach St. Vith, wo bis zum Schengen-Abkommen 1993 die Schlagbäume standen, wird es unübersichtlich. Balters Heimat ist eher mitten in als an der Grenze: Die südliche Straßenseite nach St. Vith ist deutsch, die nördliche belgisch; an der B 265 ist rechts Richtung Prüm alles Belgien, links Deutschland. Im Prinzip.

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Denn an der Kreuzung zur belgischen N34 hat es bis 1958 Sonderregelungen gegeben. Der Landgasthof und die Modelleisenbahnausstellung im Alten Zollamt gehören zu Deutschland, seine Oma hatte sich damals dafür entschieden. Das Cafe „Old Smuggler“ etwa gehört zu  Belgien, der direkt angrenzende Supermarkt auch. Die damaligen Besitzer wollten es so. Gegenüber, die „Ars-Ausstellungsgebäude – Krippana und Figura“ ist Balterscher Familienbesitz und auch Belgien:  Eine Grenze, die wie ein Zick-Zack-Muster auf wenigen hundert Metern verläuft.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war Losheim Deutsch. 1919 kam der Ort zu Belgien, 1921 zurück ins Deutsche Reich. Von 1949 bis 1958 gehörte es wieder zu Belgien, seit 1958 zu Deutschland. Heute ist der Ort Teil der Gemeinde Hellenthal in Nordrhein-Westfalen. In südlicher Richtung zipfelt bis auf 500 Meter Rheinland-Pfalz heran.

Als 1957 der dann schließlich bis heute gültige Grenzvertrag zwischen beiden Ländern vorbereitet wurde, habe man die Losheimer gefragt, die direkt am Grenzverlauf wohnten: Wo wollt ihr hin? Rund um die heutigen Ars Krippana-Gebäude und den „Old Smuggler“ wollte man „keinen Ärger, und die Menschen selbst entscheiden lassen“, so Balter. So kam es zum Parzellenwechsel im Meter-Takt: „Die Einen, die sich für Belgien entschieden haben, haben die Solo-Margarine im Frigo. Klopfen Sie wenige Meter weiter an, haben die Leute Rama im Kühlschrank“, lacht Balter. Seine Familie entschied sich für Deutschland.

Zick-Zack: Seit 1958 wechselt die deutsch-belgische Grenze hier zwischen den Grundstücken hin und her.

Ein Beschluss der UNO von 1958 legte das Prozedere verbindlich fest:
„Die deutschen Staatsangehörigen, die ihren Wohnsitz in den in Artikel 1 Absatz (1) b) bezeichneten Gebietsteilen haben, haben das Recht, binnen zwei Jahren für die belgische Staatsangehörigkeit unter Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit zu optieren. Sie haben, auch wenn sie nicht optiert haben, das Recht, ihren Wohnsitz und ihren Grundbesitz dort zu behalten. Es steht ihnen jedoch frei, binnen zwei Jahren ihren Wohnsitz in die Bundesrepublik Deutschland zu verlegen und ihre bewegliche Habe mitzunehmen, sowie gegebenenfalls den Erlös des von ihnen veräußerten Grundbesitzes in die Bundesrepublik Deutschland zu überweisen.“

„Mir haben die Zöllner als Junge in den 1980er Jahren immer ein Sicherheitsgefühl gegeben. Es gab keine Kriminalität bei uns“, erinnert sich Michael Balter. „Aber was bedeutet eine Grenze schon für Einen?“ fragt der Mann, den die Grenze „seit meiner Kindheit geprägt“ hat, und der heute in beiden Staaten  arbeitet. Die Geschäfte liefen gerade hier in den 1980er Jahren für die Familie gut. Kaffee und Zigaretten waren in Belgien deutlich günstiger als in Deutschland: „Eine tolle Zeit“, so Balter im Rückblick auf seine Jugendjahre. Auch nach der EURO-Einführung blieben einige Vorteile erhalten. Der deutsch-belgische Supermarkt bei Losheim AD Delhaize und die Ars Krippana sind weithin bekannt.

Wie seine drei Brüder hat auch Michael Balter die Volksschule mit Ganztagsbetreuung in Manderfeld  besucht – ein solches für die berufstätigen Eltern wichtiges Angebot gab es in Losheim damals nicht. Er lernte Französisch. Ein Eifeler, der heute in den belgischen Ardennen sein Häuschen hat. „Die Grenze hat uns geholfen, beide Seiten hatten ihre Vorteile“, meint Balter.

1949: Das kleine Häuschen für die Grenzkontrolle. Foto: privat

2005 hat er die belgische Staatsangehörigkeit angenommen. Er ging mit 33 Jahren in die Politik. „Ich wollte dem Land etwas zurückgeben; nicht nur meckern sondern handeln“. Balter ist einer von zwei Abgeordneten im ostbelgischen Parlament in Eupen für die VIVANT-Fraktion. Es geht ihm um Aufklärung über die Missstände in Politik und Gesellschaft und darum, dass die Bürger wieder selbst die Macht an sich nehmen.

Von der EU-Bürokratie in Brüssel hält er nichts. Da packt den eloquenten Politiker  das Temperament: „Frieden und Wohlstand sollte unsere Prämisse sein! Der Zentralismus in Brüssel ist antidemokratisch und bringt nur unsinnige Vorschriften. Europa braucht die EU nicht! Aber den freien Handel der Völker untereinander!“ In Losheim,  wo Europa und europäische Geschichte wie im Brennglas zu besichtigen sind, kann man den Grenzländer gut verstehen.

mm

About Stefan

Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

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