Blind sein auf dem Land

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Dorothea und Peter Kohlhaas aus Dockweiler in der Vulkaneifel sind blind. Dennoch sagen sie zum Beispiel: Ich habe Dich gestern gesehen. Nicht nur das verunsichert Manche. Wie lebt man als Mensch ohne Sehkraft in der Eifel? Und welche Barrieren haben Dorothea und Peter im Alltag auf dem Land zu überwinden?

„Hier, die Blüten am Rosenbogen: Jede Menge Rosenkäfer, da muss was passieren!“ Peter Kohlhaas nimmt einige der Blüten vor der steilen Wiese in die Hand. Dunkle Käfer ab und zu. Es entwickelt sich ein Gespräch über die rechte Schädlingsbekämpfung. Kohlhaas deutet mit dem Kopf auf den Rasen hinter ihn: „Wir kriegen den Maulwurf nicht weg. Das ist ärgerlich. Aber der ist ja auch blind. Insofern…“

Peter Kohlhaas ist Hobbymusiker.

Der Maulwurf als Gleichgesinnter. So viel Humor muss man erst einmal haben – wenn man selber blind ist. Peter Kohlhaas, 52, hat noch ganze zwei Prozent Sehkraft. Eine „Zapfen-Stäbchen-Dystrophie“, die 1999 ausgebrochen ist. Unaufhaltsam. Der gebürtige Trierer, der mit seiner Frau Dorothea im Haus seiner Schwiegereltern in Dockweiler lebt, hat KFZ-Mechaniker gelernt. Zuletzt arbeitete er bei der Firma Dunlop in Wittlich. Er wurde verrentet.

Als Blinder im Eifeldorf leben- wie geht das? Dorothea Kohlhaas, 47, stammt aus Dockweiler. „Schon als Kind habe ich schlecht gesehen, das war einfach so und noch als Jugendliche für mich kein Problem.“ Das hat sich bei Manchen, selbst wenn sie Dorothea schon lange kennen, geändert. Sie sind verunsichert. Denn vor sieben Jahren schloss sich der begonnene „Tunnelblick“, den ihre Netzhaut noch erlaubte. Immer schmaler wurde der Blick-Korridor. Bis er geschlossen war. Seit dreieinhalb Jahren hat sie ein Netzhautimplantat. So kann sie wieder unterschiedliche Kontraste erkennen.

Für Dorotheas Arbeitgeber, das Amtsgericht Daun, kein Hindernis. Die Justizfachangestellte hat einen blindengerechten Computerarbeitsplatz. Inklusion funktioniert immer mal wieder auch schon auf dem Land. Und wie steht es um Barrierefreiheit, und das Verständnis im Alltag?

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Das Telefon klingelt bei Peter und Dorothea Kohlhaas. Eine Sprachsoftware schaltet sich ein und nennt über Lautsprecher die Rufnummer – so wie „Siri“, die Spracheingabeassistentin auf Dorotheas I-Phone, ebenfalls mit ihr kommuniziert: Frage, Antwort. Hören ist Sehen. Die beiden probieren gerade eine neue Navi-App für Sehbehinderte und Blinde aus.

Den Rasen mäht Peter Kohlhaas allerdings nicht. Obwohl er es könnte. Den beiden hilft der Schwiegervater, der im Haus wohnt. Er übernimmt auch wichtige Fahrdienste in die nahen Mittelzentren. Relevant ist für Dorothea und Peter Kohlhaas vor allem die Frage der Mobilität: Wo fährt wann ein Bus wohin – und wann leider gerade nicht oder überhaupt nicht mehr? Diese Fragen kennen fast alle, die in der Eifel leben. Ein Dauerbrennerthema auch beim Stammtisch der Regionalgruppe Trier der Pro Retina Deutschland e.V. „Wir haben in Dockweiler den Regionalbus 500. Ein Glück! Der hält hier und bringt uns nach Gerolstein zum Bahnhof oder nach Daun zu Ämtern und Geschäften“, betont Dorothea Kohlhaas.

Doch wie zum Bus kommen? „In Dockweiler kennen wir uns aus“, so Peter Kohlhaas. Wo Bordsteinkanten sind – wo sie aber auch fehlen, was für ihn besonders kritisch ist: „Dann stehen wir in fremden Orten schnell auf der Straße, wenn wir nicht aufpassen.“ Schlimmer ist anderes. „Mitten auf dem Bahnsteig 1 in Gerolstein haben sie einen neuen Lampen-Mast aufgestellt. Das wusste ich nicht. Wenn mein Blindenhund keine Vollbremsung hingelegt hätte: Es war eine Handbreit.“ Peter Kolhaas weiß, dass er sich nicht darauf verlassen kann, dass Ämter für ihn wie für Andere mit Handicap, etwa barrierefreie Zugänge für Rolli-Fahrer, mitteilen, was er wissen sollte.

Dorothea Kohlhaas sammelt Figuren, zum Beispiel Micky Mouse.

Also müssen die Colliedame Anubia für Peter und Labradorhündin Trixi für Dorothea umso aufmerksamer sein. Ohne ihre beiden Blindenhunde  wäre ein autonomes Leben für Peter und Dorothea Kohlhaas kaum vorstellbar. „Ein Langstock sieht einfach nicht alles“, so Peter Kohlhaas.

Wenn Blinde von „Sehen“ sprechen  – das irritiert Manche, weil sie den tieferen, fast schon philosophischen Sinn nicht verstehen können oder wollen. Auch die eine oder andere von Dorothea Kolhaas‘ Freundinnen ist irritiert, wenn diese Jene mit „Ich habe Dich gestern gesehen“ begrüßt. Weil sie die Freundin gehört und so erkannt hat. Etwa beim vertrauten Gang zur Bäckerei Utters an der Hauptstraße in Dockweiler.

Berührungsängste – auf dem Land sind sie genauso häufig wie in der Stadt. Da zieht das Ehepaar schon das Leben in Dockweiler vor. Ein stabiles Stahlgeländer führt von der Straße hoch ins Haus und weiter ins Obergeschoss. Im Alter will das Ehepaar in eine Wohn- und Pflegegemeinschaft auf dem Dorf leben, oder nach Gerolstein oder Daun ziehen.

Mobilität ist eben alles. Im Winter sei es da schon besonders gefährlich, so Peter Kohlhaas: „Wenn der Schnee nicht geräumt, oder der Bürgersteig vereist ist. Der Hund erkennt ja das Eis unter dem Schnee nicht.“ In der Stadt wäre das eher besser?  „Da sind zu viele Menschen, es steht zu viel im Weg: Werbeaufsteller, Kleiderstangen, Bänke, Kübel.“ Auch wenn es dort mehr Busse oder Bahn und Taxis gibt – die Eifel bleibt erste Wahl.

„Hier ist die Luft besser, es ist ruhiger, die Menschen sind nett. Und es gibt viele schöne Ecken!“,  meint Peter Kohlhaas. Im vergangenen Jahr waren die beiden bei „Klassik auf dem Vulkan“ Open-Air  am Gemündener Maar. Es war für die Musikliebhaber ein Erlebnis.

mm

About Stefan

Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

One thought on “Blind sein auf dem Land

  1. Und den Saxophonunterricht erhält er über die Musikschule des Landkreises Vulkaneifel bei Uli Nonn, der allwöchentlich zu ihm nach Dockweiler zum Unterricht nach Hause kommt…

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