Aufklärungsort: „Vogelsang“ – einst NS-Ordensburg in der Eifel

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Kein leichtes Erbe: Mitten in einer der schönsten Ecken der Eifel steht die ehemalige NS-Ordensburg „Vogelsang“ oberhalb der Rurseen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erst Truppenübungsplatz – heute ist „Vogelsang IP“ (IP: Internationaler Platz) mitten im „Nationalpark Eifel“ eine Touristenattraktion und ein Beispiel für gelungene Aufklärungsarbeit. 300.000 Besucher pro Jahr schauen sich das an.

„Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“ heißt die Ausstellung, die zeigt, wie das Gelände für ideologische Zwecke der Propaganda genutzt wurde.

Es ist bedrückend die mehrere Kilometer lange Straße oberhalb von Gemünd auf das Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang zu fahren. Vielleicht weil jeder Besucher weiß, dass allein durch den Anlick der Protz-Bauten das Hitler-Regime der deutschen Geschichte allgegenwärtig wird. Hinter der Parkschranke hat der Besucher nicht nur eine schöne  Aussicht auf die unberührte Natur des Nationalparks Eifel, sondern auch auf eine Ansammlung von grauen, teilweise bäufälligen, denkmalgeschützten Stahlbeton-Gebäuden der NS-Vergangenheit. Die Burg Vogelsang ist der zweitgrößte Bau der nationalsozialistischen Geschichte Deutschlands. Die größten Gebäude liegen mit einem 48 Meter hohen Turm auf einem Bergplateau. Von dort kann man fast wie in den Alpen einen Blick auf unberührte Natur und die Urfttalsperre genießen.

In zwei Jahren Bauzeit von 1934 bis 1936 wurde der gesamte Gebäudekomplex errichtet. Allein ein Rundgang um das komplette Plateau umfasst über zwei Kilometer. Kameradschaftshäuser, Hör- und Festsaal, Büros, Sportanlagen… Die komplette Architektur ist ein Mahnmal der Geschichte und steht unter Denkmalschutz. Die gesamte Schulungsstätte war für den Führungsnachwuchs der NDSDAP gedacht, die 500 Parteimitgliedern Platz bot. „Es ist ein Leichtes hier einen gesamten Tag zu verbringen“, sagt Referentin Mira Huppertz, die hier Besucher über das Gelände führt und anhand von alten Schwarz-Weiß-Fotos zeigt, wie dieser Ort für Propaganda-Zwecke genutzt wurde. 90 oder 135-minütige Rundgänge sind buchbar.

Wer sich vom Eingang des Besucherzentrums, ins Zentrum des sogenannten Adlerhofes begibt, kann sich dem angsteinflößenden Eindruck der Gebäude nicht entziehen. „Alles wurde hier als Bühne benutzt“, erklärt Huppertz. So klein wie ein Kind fühlt man sich, wenn man im unteren Hang der Unterkünftshäuser steht, und man hoch auf diese Bühne Richtung Wachturm blickt. Die ersten Auszubildenden sollten hier nie ihre Lehre beenden, denn die vermeintliche Elite wurde 1939 an die Front geschickt.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Gebäude und Gelände von den Briten als Truppenübungsplatz genutzt, die das „Camp Vogelsang“ an die Belgier übergaben. 55 Jahre war das Gelände in belgischer Hand, später diente es auch als Trainingslager für NATO-Truppen. Nach dem Abzug der Belgier 2001, die Deutschland das Areal zurückgaben, entstand hier ab 2006 ein Besuchszentrum, um Bildung und Tourismus zu vereinen.

Vogelsang Internationaler Platz (IP)“ heißt das Gelände nun. Rund 40 Mitarbeiter kümmern sich um die zahlreichen Bildungsangebote und darum, dass der Denkmalbereich mit Fachbegleitung erkundet werden kann. „Wir haben jeden Tag im Jahr geöffnet“, sagt Mira Huppertz von Vogelsang IP. Moderne, gelbe und grüne Rahmen sind in alte Gebäude als Eyecatcher installiert worden. „Sie sollen ein Zeichen sein, dass hier jeder Gast willkommen ist. Es soll hier bewusst hell und bunt sein“, erklärt Huppertz. „Zudem legen wir auf Barrierefreiheit großen Wert.“ Toleranz, Vielfalt und friedliches Miteinander sind starke Worte, die das Baudenkmal für die Zukunft auszeichnen sollen.

Auch die Dekoration in den Räumen der ehemaligen NS-Ordensburg folgte einem Ideologie-Programm: Herrenmenschen-Relief im ehemaligen Schwimmbad.

Im neuen Zentralbau, dem modernen Forum, das für 45 Millionen Euro in den Zentralbau der Anlage integriert wurde, können Besucher eine Dauerausstellung unter dem Titel „Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen sehen. Die Ausstellung zeigt, wie das Gelände für seine ideologischen Zwecke der Propaganda genutzt wurde. Fotografien und Lebensläufe der Männer, die hier als Parteiführernachwuchs geschult werden sollten, zahlreiche historische Tonaufnahmen, sowie originales Lehrmaterial von damals, zeigen die erschreckende Ideologie der NS-Herrschaft.

Auf der gegenüberliegenden Seite dieser Ausstellung erleben Besucher im Gegensatz dazu Natur hautnah. Mit dem Titel Wildnis(t)räume, können Interessierte alles Wissenswerte zum Nationalpark Eifel erfahren. Hier können Modelle von Wildtieren gestreichelt, Gräser der Eifel im 3-D-Effekt bewundert oder in einem Erlebniskino alle Jahreszeiten hautnah durchlebt werden. Gerade Kinder können hier spielerisch die Natur entdecken.

Gegenprogramm: Unter dem Titel „Wildnis(t)räume“, können Interessierte im „Vogelsang IP“-Ausstellungsgebäude alles Wissenswerte zum Nationalpark Eifel erfahren.

Wer sich an dem Blick über den Nationalpark Eifel erfreuen will, kann im Panorama-Restaurant Platz nehmen und regionale Spezialitäten der Eifel genießen. Ebenso bietet es sich von hier an, unterschiedliche Wanderrouten wie Eifelsteig oder Wildnis-Trail zu beginnen. Auch Kinofreunde kommen auf ihre Kosten: Nur wenige Gehminuten vom Forum Vogelsang IP entfernt befindet sich das Kulturkino „Vogelsang IP“. Das denkmalgeschützte, ehemalige Truppenkino des Camp Vogelsang ist im Originalzustand der 50er Jahre erhalten und wird heute für Veranstaltungen wie Konzerte oder Theater genutzt.

Außerdem sind in einigen alten Gebäuden der Burg Vogelsang mittlerweile weitere Organisationen untergebracht. Das Rotkreuz-Museum Humanitarium für Menschenrechte oder die Verwaltung des Naturschutzbundes sind hier ebenfalls zu finden.

Architekturkontrast: Der ehemalige „Adlerhof“ mit Turm und der neue Eingang zum „Forum“ von „Vogelsang IP“.

Vogelsang Internationaler Platz“ bietet viele Eindrücke und Einblicke. Selbst für die Übernachtung vor Ort ist gewissermaßen alte Geschichte neu belebt worden. In einem der ehemaligen Kameradschaftshäusern können Wandergäste, Vereine oder Touristen in  einem zweckmäßigen Zimmer zu moderaten Preisen übernachten. Vielfalt und Toleranz sind hier an einem Ort, der eine bewegende Geschichte zum Entdecken bereithält.

Titelfoto: Fotolia/Jürgen Reitz
Bilder Vogelsang IP/Roman Hövel

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About Sabine

Endlich Eifel bedeutet für mich der Umzug von der Stadt in ein historisches Bauernhaus nach Monschau-Kalterherberg. In der Eifel begeistern mich die hilfsbereiten und liebenswerten Menschen, die einen vom Hohen Venn bis in die belgischen Ardennen begleiten.

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