Als überall das Licht anging: Elektrifizierung in der Eifel

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Als der Strom in die Eifel kam, bewirkte er eine Kulturveränderung. Er machte aus dem armen, schwer zugänglichen Gebiet am Rande des Deutschen Reichs einen Vorreiter in Sachen Innovation. Die geografische Lage der Eifel mit ihren Flüssen und Bächen, ihren vielen Mühlen und ihren technikbegeisterten jungen Männern sorgte dafür, dass hier früher als an anderen Orten Deutschlands das Licht anging und der Mensch über die Nacht siegte.

Wenn es im Winter früh dunkel wurde, bedeutete das in den Eifeldörfern und -städtchen, dass die meisten Tätigkeiten einzustellen waren. Die Haushalte besaßen Petroleumlampen, von denen eine in der Küche stand und eine im Flur, und die bestenfalls ein schummeriges Licht verbreiteten. Im Stall, auf dem Hof und in den Schlafräumen war es stockfinster. An Lesen oder Feinarbeiten war nicht zu denken, die größeren Ortschaften kannten Straßenbeleuchtung mit Gas, doch auch diese war keinesfalls flächendeckend.

Was für uns heute kaum noch vorstellbar ist, war damals Normalität: Tag und Nacht waren voneinander getrennte Bereiche, es gab kaum Lichtquellen, die die Dunkelheit in Frage stellten. Mit Sonnenuntergang wurde es dunkel – und blieb so bis zum nächsten Tag. In den Stallungen und auf den Straßen konnte man in dunklen Nächten kaum die Hand vor Augen sehen. Die Petroleumlampen waren nicht einfach zu handhaben: Das Petroleumöl – »Steinöl« nannte man es – musste teuer, meist in den Colonialwarenläden, erworben werden, es stank und die Brandgefahr war hoch. Für die Ställe gab es deshalb die »Stall-Lüchte«, die einen vergitterten Docht besaßen. Ende des 19. Jahrhunderts war die Eifel ein strukturschwaches und abgelegenes Gebiet, das mit Hungersnöten und Krankheiten zu kämpfen hatte, das Leben war hart, die Arbeit schwer.

Vorreiter der Moderne: Strom aus Eifler Mühlen

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Ausgerechnet diese Region – von anderen als das »Armenhaus Preußens« verspottet – sollte nun als eine der Ersten Zugang zu einer tiefgreifenden technischen Neuerung erhalten. Die Abgelegenheit der Region und ihre viele kleinen Seen und Bäche prädestinierten die Eifel dazu, frühzeitig an das Stromnetz angeschlossen zu werden. Vorangetrieben wurde diese Entwicklung durch einzelne technische Pioniere und vor allem die Betreiber der Mühlen. Letztere waren in vielen Dörfern nicht wohlgelitten: Da die Bauern gezwungen waren, ihr Getreide bei ihnen mahlen zu lassen, galten sie vielerorts als Halsabschneider und Betrüger. Nun aber zeigte sich, dass die Wasserkraft, die ihre Mühlräder teilweise schon seit Jahrhunderten antrieb, auch zur Stromerzeugung dienen konnte. Einer von ihnen war Henri Owen Tudor vom Diesburger Hof, der durch seine clevere Tüftelei 1884 die Mühle Rosport in das erste elektrisch beleuchtete Gebäude in der Eifel verwandelte. Damit gab er sich nicht zufrieden, sondern baute sogleich die erste elektrische Straßenlaterne und sogar eine elektrisch betriebene Dampfmaschine. Die beiden Brüder Claus und Peter Molitor in Eichelhütte und Wilhelm Feuers in Eisenschmitt legten vergleichbaren Erfindergeist an den Tag und beeindruckten die Eifler mit dem taghellen Licht aus Elektrizität. Erst später folgte der überregionale Anschluss durch Unternehmen wie RWE.

Die Urfttalsperre bei Heimbach,
Ansichtskarte von 1911. (Foto: Peter Pütz, Heimbach Eifel, Creative Commons CC BY-SA 3.0)

Der Strom kommt!

Die Nutzung von Strom verschob die Grenze zwischen Tag und Nacht und befreite den Menschen von der Abhängigkeit von natürlichen Lichtquellen. Auf einmal konnte auch am Abend oder sogar spät in der Nacht gearbeitet werden – und nicht nur das: Der Strom betrieb Maschinen und schuf so neue Produktivität. Für die Eifel, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit bitterer Armut zu kämpfen hatte, ein großer Gewinn.

1905 nahm das Kraftwerk Heimbach nahe der Urfttalsperre an den Ufern der Rur seine Arbeit auf. Seine Bauweise erinnert ein wenig an eine Kirche, die Schalthebel sind sogar in Marmor eingelassen. Die Firma RWE und andere Stromanbieter sendeten Monteure aus und verteilten bebilderte Werbeprospekte, in denen sie die Menschen von den Vorteilen des Stroms zu überzeugen versuchten. Vielen Menschen machte der Strom Angst – und das zu Recht: Die Leitungen waren unisolierte Kupferrohre, mit feuchtem Papier oder Aluminium umwickelt und es kam regelmäßig zu schweren Unfällen. Auch war auf den Strom kein Verlass – mal fiel er aus, mal kam er nur schwach. Das lag auch daran, dass die ersten Kraftwerke noch Gleichstrom nutzten, der eine viel geringere Reichweite hatte. Das änderte sich, als man flächendeckend auf Wechselstrom umstieg.

Viele Gemeinden verschuldeten sich hoch für den Anschluss an das Stromnetz, in der Gemeinde Westum spendeten in die USA ausgewanderte Bürger für die Beleuchtung der Westumer Kirche. Jeder Hof wiederum musste selbst für seinen Anschluss aufkommen und die Monteure bezahlen, doch die Stromlieferanten boten Teilzahlungsmöglichkeiten an. Im Krieg wurde der Strom knapp – Sperrstunden wurden ausgerufen und doch war die Begeisterung für den Strom ungebrochen. War eine Gemeinde neu an den Strom angeschlossen, feierte man das nicht selten mit einem »Lichterfest«.

Urfttalsperre bei Heimbach. (Foto: Creative Commons CC0)

»Licht ist die Quelle allen Lebens«

Licht und elektrischer Antrieb veränderten das Leben in der Eifel von Grund auf. Ein Kulturwandel fand statt, der zu erhöhter Produktivität und einer zukunftsfrohen Stimmung unter den Eiflern führte. Als das Wasserkraftwerk an der Kleinen Dhron 1913 eröffnet wurde, schickte der Regierungspräsident ein Gedicht in Reimform, in dem er die Vorteile des elektrischen Lichts lobte.

Die Begeisterung für den Fortschritt kannte allerdings auch Grenzen: Als man am Laacher See ein Pumpspeicherkraftwerk einrichten wollte, regte sich Protest. »Es stemmt mit aller Kraft, entgegen sich die Seele, dass niemand weg dich rafft, du herrliche Juwele«, dichtete Joseph Hilger aus Mayen verzweifelt. Der Protest hatte Erfolg – das Pumpspeicherkraftwerk kam nicht, dafür wurde der Laacher See zu einem Naturschutzgebiet.

(Titelfoto: Privatbesitz Autorin)

 

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About Sarah Rubal

Sarah Rubal, geboren 1984, ist Autorin. Ihre Vorfahren stammen aus Lommersdorf bei Blankenheim. Schon seit ihrer Kindheit ziehen sie die Sagen und Geschichten der Eifel in ihren Bann. Ihr aktueller Eifel-Thriller "Alle Rauhnacht wieder" ist gerade erschienen.

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