Wachstumszauber und Winteraustrieb – Eifeler Burgsonntag, Hütten- oder Scheefsonntag

Von in Artikel, Eifeltypisch
Anzeige

In diesem Jahr fällt der Erste Fastensonntag, der sogenannte Burgsonntag, auf den 18. Februar. In 80 Prozent der Fälle kommt der Termin für das überlieferte Brauchtum des Winteraustriebs zu früh für die Eifel, aber Brauch ist Brauch – und das ist gut so. In der Westeifel heißt der erste Fastensonntag „Burichsonndisch“, in der südlichen Eifel sagt man „Hettensonndisch“, in der Vulkaneifel heißt er „Scheefsonndisch“. Gemeint ist dasselbe: Der Winter soll am ersten Sonntag nach den Karnevalstagen mit lodernden Höhenfeuern ausgetrieben werden.

Der Jahrhunderte alte Brauch geht auf ein heidnisches Brauchtum zurück, bei dem der Frühling begrüßt und der raue Winter vertrieben werden sollte. Der Termin schwand im Kalender, manchmal ist es noch knochenharter Winter, ein anderes Mal schon wärmender Frühling. Fast immer liegt er vor dem kalendarischen Frühlingsanfang und erscheint für die Westeifel als zu früh. In seinen Ursprüngen vermutet die Volkskunde in diesem Jahresfeuer überlieferte Brauchformen, die von vegetationsgläubigen Leitmotiven geprägt sind. Das Abbrennen einer „Burg“ wird zudem als eine Zauberhandlung und ein magischer Ritus zur Erweckung der Lebenskraft gedeutet.

Heftige Rivalitäten

Wesentliches Kennzeichen des Burgsonntags war immer das Erdfeuer, das dann zusätzlich durch ein Strohmann-Verbrennen erweitert wurde. Schon Wochen zuvor waren die männlichen Jugendlichen im Wald unterwegs, um einen geeigneten Fichtenbaum zu schlagen. Nach dem Fällen wurde er dann mit Hilfe von Handkarren in einen Schuppen verfrachtet, wo er zum Trocknen aufbewahrt wurde. Nicht selten gab es zwischen den Ortsteilen oder Nachbardörfern heftige Rivalitäten: „Wir beobachteten das Geschehen im Mitteldorf ganz genau, wussten meistens, wo der Baum gelagert war und waren auf Streiche aus“, so ein älterer Pronsfelder. Zweimal war es den „Oberdörflern“ in den 1950er Jahren gelungen, den „Gegnern“ im Mitteldorf die Sache gründlich zu verderben: Als man den „schönen Baum“ für den Sonntag zum Burgplatz transportieren wollte, traf man auf vier Teile. Umgekehrt gelang es den Mitteldorfern, in der „Nacht der Nächte“ vor dem Burgsonntag den „Holländern“ das Burgloch zuzuschütten, und das mit Abfällen und Stallmist!

Anzeige

Streiche und Schauergeschichten

Viele Streiche, Schauergeschichten und Anekdoten ranken sich um das fröhliche Treiben. So wird bis heute von erlebten „Steckelchern“ erzählt. Auch sollen „die jungen Wilden“ am Burgsonntag kräftig geraucht, viel getrunken und zahllose „Schinken geklopft“ haben. Denn nach dem Abbrennen der Burgfeuer ging es mit Gesang ins Dorf; wo ein jung vermähltes Paar „den Kuchen gebacken hatte“. So sagt man bis heute, nur: die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Früher verstand man unter „Kuchen backen“ Waffeln, Nuutsen und Pfannekuchen, heute sind es denn schon eher feine Torten, Gebäck und Edles zum Trinken. Geschichten machten hier die Runde, die rußgeschwärzten Gesichter taten ein Übriges “fürs Ambiente“.

Burgjungen im Jahr 1955. (Foto: Autor)

Und dann, nach getaner Arbeit und kräftigem Schmaus, ging es raus ins Freie, um ein deftiges „Schinkenklopfen“ auszutragen. „Hier hat es manchen Hieb gesetzt und einige Hintern konnten am nächsten Tag in der Schule noch nicht richtig sitzen“, so ein Senior, der sich noch an alle Einzelheiten bestens erinnern kann. „Auch das Rauchen hat uns zugesetzt“, sagt er weiter, „wir wollten einfach einmal so sein wie die Erwachsenen“.

Lire lire, lotter, een Kletsch Botter

Viele Brauchhandlungen haben sich bis heute erhalten. Das Baumschlagen und -wickeln, das Wachen am Feuer, das Burgloch ausheben, das Entzünden und das nächtliche Zeremoniell. Spannend wird es dann gegen Abend, wenn die Dunkelheit eingesetzt hat und alle auf den großen Moment warten, wenn der Baum entzündet wird. Dies geschieht bis heute mit einer Wurffackel, die möglichst oben am Baumkreuz einschlagen soll. Früher gehörten das Singen und der Tanz um den brennenden Baum dazu, das ist heute verschwunden. Geblieben ist dagegen das Beäugen der Nachbarn: Wer fängt zuerst an? Die Oberdörfer, die Holländer, die „Lingeber“, die „Pitteber“? Am nächsten Tag heißt es dann unter den Schuljungen wie immer: „Us Burich wor die schungst und die jrusst, us braant am langsten, dir word die bangsten…“

Und wer kennt noch den mundartlichen Heischespruch? Also aufgepasst, Burgjungen:
„Lire lire, lotter, een Kletsch Botter, Speck ous dem Hoarscht, Mell aus dem Hegger, Melich ous dem Kiehogger, Eier ous dem Nast, die Huhner han et vol jeloarscht“.

Der Burgsonntag im Jahr 2011. (Foto: Autor)

Garaus dem Winter – Garaus dem Brauchtum

Das traditionelle „Hochfest des Brauchtums“ findet leider vielerorts nur noch selten statt. Nur noch wenige Kinder und Jugendliche zieht es am ersten Fastensonntag in die Natur, um dem Winteraustrieb beizuwohnen oder gar mitzuhelfen, ihn zu beflügeln. Was muss noch alles an Bräuchen wegbrechen, um dann irgendwann zu bedauern, was da früher einmal war? Der Burgsonntag hat wenig Zukunft, denn immer weniger unterstützen das Ritual, in manchen Dörfern kommt der Brauch bereits ganz zum Erliegen. In größeren Gemeinden ist es noch ein kleines Aufgebot von wackeren Aufrechten, das sich müht. Wer einmal ein bisschen „Nachhilfe“ braucht, sollte sich mal auf den Hallert (Gemeinde Habscheid) begeben; hier macht man aus dem Burgsonntag einen Freudentag für die ganze Gemeinde, an dem alle teilhaben. Und vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoll erscheint, kleinere „Ortsteilburgen“ zu einer großen „Hauptburg“ zu konzentrieren.
Viele Gründe, die Bräuche zu bewahren, damit wir für unsere Nachfahren tun, was unsere Vorfahren für uns getan haben.

mm
Joachim Schröder aus Pronsfeld im Eifelkreis Bitburg-Prüm ist Brauchtumsforscher und hat bisher 19 Bücher über seine Heimat veröffentlicht: „Ich bin ein Kind der Eifel. Ich lebe und liebe die Eifel, weil es diese Landschaft tatsächlich kein zweites Mal gibt.“

0 Kommentare

Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*