Von Rheinromantik zum Gelsenkirchener Barock: Eifelweihnacht in den 1970er Jahren

Von in Eifeltypisch
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Ein zentrales Element unserer Weihnachtsfeiern war früher der Bowletopf. Aus hell-beiger Keramik, groß wie eine Seemine und mit Rheinburgen auf den Seitenwänden. Um diesen Topf aus der kunsthistorisch so bedeutenden Phase des Übergangs der Rheinromantik zum Gelsenkirchener Barock versammelte sich die ganze Familie.

Neulich war ich wieder einmal bei meinen Eltern zu Besuch. Da bat mich meine Mutter, eine Kuchenplatte aus dem Wohnzimmerschrank zu holen. Ich öffnete eine Schranktür, und plötzlich sah ich ihn: unseren Bowletopf. Augenblicklich fühlte ich mich in meine Kindheit versetzt und musste an Weihnachtstage von früher denken, an denen sich in den 1970er Jahren unsere Familie um diesen Topf versammelt hatte. Unser Wohnzimmer war damals ganz topaktuell im Stil der Zeit eingerichtet. Ein Perserteppich lag in der Mitte. Vor Weihnachten mussten wir Kinder immer mit einem Stahlkamm die Fransen davon parallel kämmen, damit auch alles ordentlich war.

Darauf stand der Weihnachtsbaum, der in der Eifel grundsätzlich Christbaum genannt wurde und eigentlich immer eine Fichte war. Wenn wir O Tannenbaum sangen, war das im Grunde eine Lüge. Unter dem Baum befand sich natürlich die Krippe mit Figuren aus Gips, die liebevoll bemalt waren aber auch sehr zerbrechlich. Dem Esel fehlte ein Ohr und mehreren Engeln die Flügel. Aber egal. Dafür lag überall rund um die Krippe frisches Moos herum, das wir in den an Moosen überreichen Eifelwäldern in den Tagen vor dem Fest gesammelt hatten. Der Baum wiederum war üppig mit Goldkugeln und Lametta behangen. Loriot hatte also völlig recht, wenn er Opa Hoppenstedt sagen ließ, dass früher mehr Lametta war.

Ein weiterer dekorativer Bodenbelag neben dem Perser war ein in langer Winterarbeit von meiner Mutter geknüpfter kreisrunder Teppich mit weißen langen Fäden, zwischen denen wir Kinder gelegentlich Erdnüsse entdeckten. Genau in der Mitte des Teppichs stand der Couchtisch, der auf einer zentralen Säule ruhte und sich per Kurbel in der Höhe verstellen ließ. Auf dem Tisch lag mittig das Häkeldeckchen, das wir im Abo hatten. Oma brachte uns bei jedem Besuch ein neues mit.

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Auf dem Häkeldeckchen drauf: der schwarze große Drehaschenbecher der Marke ROULETTE. Er hatte oben einen Perlmuttknopf zum Drücken. Wenn man ihn betätigte, drehte und senkte sich gleichzeitig ein Blechteller und schleuderte dabei Asche und Kippen in den darunterliegenden Behälter. Das ging übrigens auch gut mit Einer-Lego-Klötzchen. Daneben ein u-förmiger Messinghalter für die Welthölzer und der Zigarettenspender Globus, der die dort eingesteckten Zigaretten beim Öffnen kugelförmig präsentierte. Das waren noch Ingenieurleistungen.

Neben dem Tisch machte sich die sehr gradlinige Sofagarnitur in maisgelb breit. Diese Farbe kennen Sie noch von den Cordhosen der damaligen Erdkundelehrer. Solche Hosen wurden zusammen mit einem dunkelgrünen Polyester-Strickpullover beim Versandhaus Quelle, dem Amazon der Siebziger, als Modell Didakt speziell für Lehrer angeboten. Es gab sie auch für Fahrlehrer, die Kombination hieß dann Autodidakt.

An der Wand über dem Sofa hing ein Knüpfbild aus Original-Junghans-Wolle mit dem Motiv Kraniche im Sonnenuntergang. Es bestand aus unzähligen Fäden und ergab in Summe ein – heute würde man sagen – grob gepixeltes Kunstwerk. Damals nannten etwa 98 Prozent aller Haushalte genau dieses Knüpfbild ihr eigen, weshalb man sich quasi überall zuhau­se fühlte.

An der Längswand stand lange Zeit der Wohnzimmerschrank aus Holz mit Nussbaumfurnier­oberfläche. Er hatte in der Mitte ein sensationelles Barfach. Man klappte daran eine quer angebrachte Tür herunter, dann ging eine indirekte Beleuchtung an und man erblickte sein weichgezeichnetes Konterfei auf bedampften Spiegelkacheln auf der Rückseite des Fachs. Das hatte was von Großstadtflair in unserem kleinen Eifeldorf.

Im Barfach standen der Weinbrand vom Vater, der Aufgesetzte von der Mutter und der Eierlikör von der Oma. Davor die Holzschalen für das Salzgebäck.

Dieses Wohnzimmer-Ambiente betrat nun mein Vater mit dem Bowletopf. Der war schon seit ein paar Tagen mit Dosenpfirsichen und Moselwein gefüllt gewesen und sah nun seiner Vervollkommnung entgegen: Jetzt kamen eigentlich nur noch Sekt und Mineralwasser dazu, aber mein Vater gab zusätzlich und vor allem heimlich etwas Korn mit hinein als Wirkungsbeschleuniger.

Mein Vater war übrigens Geschichtslehrer und legte deshalb Wert darauf, dass wir die Burgen auf dem Bowletopf ohne hinzuschauen alle auswendig aufsagen konnten: Drachenfels, Godesburg, Burg Eltz, Rheinstein, Stolzenfels und Marksburg. Ich kenne sie heute noch aus dem Gedächtnis. Da sieht man mal, wie gut eine solide historische Ausbildung ist.

Dann kamen die Verwandten.

Die Onkel trugen immer Anzüge und weiße Hemden. Ihr Haar glänzte und war mit einer Pomade namens Brisk zurückgekämmt. Wenn sie das Wohnzimmer betraten, gingen sie immer direkt zum Barfach an den Wohnzimmerschrank, aber nicht, um sich dort zu bedienen, sondern um sich im Spiegel kurz die Frisur zu richten. Mittels eines kleinen Kammes, den sie eingequetscht im Portemonnaie trugen. Fasziniert schaute ich ihnen dabei zu, wie sie die Haare kunstvoll zurückkämmten, aber sie taten das nicht etwa mit der rechten Hand an der rechten Kopfseite, sondern mit der rechten Hand an der linken Kopfseite, indem sie mit ihrem rechten Arm einen Bogen über dem Kopf bildeten und mit der linken Hand gleichzeitig mit dem Kamm die Haare stabilisierten.

Diese Bewegung gibt es heute nicht mehr. Sie ist ausgestorben. Man sieht sie nirgends mehr. Sie gehört für mich definitiv zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe, das Kämmen in den 1970er Jahren.

Die Frauen sahen übrigens noch abenteuerlicher aus. Sie hatten die Haare hochtoupiert und kamen damit kaum durch die Tür. Wir nannten das immer Wohnzimmer-Limbo, wenn sie es schafften, unfallfrei im Zimmer zu erscheinen.

Hatte die Familie Platz genommen, brachte meine Mutter die Bowletassen. Diese sahen alle gleich aus, und um sie zu markieren, gab es so kleine Plastik-Sticks mit Motiven wie Schornsteinfeger, Fliegenpilz, Kleeblatt, Hufeisen usw., die in die Tassen gesteckt wurden, um das persönliche Trinkgefäß individuell zu kennzeichnen. Das war auch dringend notwendig, denn damals grassierte der Herpes so fürchterlich in der Eifel.

Uns Kindern war natürlich nicht erlaubt, von der Bowle zu trinken. Wegen des Alkohols. Aber von den Früchten durften wir naschen. Die waren ja gesund. Ein Trugschluss, denn die Stückchen hatten sich prall mit Alkohol gefüllt. Verantwortlich dafür war der Osmose-Effekt, also die Diffusion durch eine semipermeable Membran, also in unserem Fall Alkohol durch die Haut der Pfirsiche.

Dann fingen alle an zu singen. Weihnachtslieder rauf und runter. Sehr bald setzte sich für uns Kinder das Wohnzimmer in eine leichte Drehbewegung. Der Alkohol entfaltete seine Wirkung. Wenn unsere Oma das bemerkte, brachte sie uns ins Bett. Und dann passierte das, wovor wir uns den ganzen Tag gefürchtet hatten: Wir bekamen einen dieser nassen Omaküsse auf den Mund.

Ob das die ganze Sache mit dem Alkohol wert war?

Ingo Konrads ist mit Leib und Seele Weinkabarettist. Seit nunmehr sechs Jahren steht er mit Weinwitz, Wahnwitz und Wortwitz auf hohen Bühnen und in tiefen Kellern. Dieser Text stammt aus seinem neuen Buch Das Wein-Comedy Buch“, das überall im Buchhandel erhältlich ist. Weitere Informationen gibt es auch unter www.wein-comedy.de

Ingo Konrads: „Das Wein-Comedy Buch“. Mit einem Vorwort von Caro Maurer. Verlag: tredition GmbH, Hamburg, 180 Seiten, als Hardcover 18,99 € und E-Book: 5,99 €.

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Mit seinen Comedy-Programmen hat sich Ingo Konrads ein begeistertes Publikum erobert und bewiesen, dass die Welt des Weins ein hohes Potenzial an Spaß und Komik birgt. Derzeit ist er mit seinem neuen Soloprogramm über Wein und Liebe „Zwei Herzen und drei Viertele“ unterwegs. Für „Endlich Eifel“ schreibt der Künstler in loser Folge Beiträge über seine Eifelheimat.

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