Kleppern, Raspeln, Ratschen

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Zwischen Gründonnerstag und der Osternacht schweigen die Glocken. Sie seien „nach Rom geflogen“, lautet die Legende. Stattdessen wird jetzt in vielen Dörfern der Eifel von Kindern gekleppert. Der Lärm von hölzernen Ratschen, Raspeln und Kleppern hat eine lange Tradition.

Kleppern und Ratschen aus Stadtkyll. Die meisten Instrumente, die die Klepperkinder benutzen, sind Erbstücke. In machen katholisch geprägten Familien wird seit Generationen gekleppert.

„Die habe ich von meinen Opa!“ Lara, acht Jahre alt, ist stolz. Um den Bauch am Stoffriemen hängend hat sie eine ungefähr 30 Zentimeter große Kiste aus Buchenholz. Und jetzt dreht sie die Handkurbel, mit der eine Walze mit Nocken in der Kiste in Bewegung gesetzt wird. Holzleisten werden so angehoben, die beim Zurückschnellen ein unüberhörbares knallendes Geräusch erzeugen.

Lara ist schon dreimal ein „Klepperkind“ in Stadtkyll an der Oberen Kyll gewesen, und ihre Ratsche, die auch Räppel genannt wird, gehört natürlich dazu. An die 30 Kinder zwischen dem Kita-Alter bis etwa 15 Jahre sind in der Karwoche im Ort unterwegs. Mit Ratschen, Raspeln und Klappern oder Kleppern ziehen sie morgens um Sieben, am Mittag und gegen Abend um 18 Uhr durch die Straßen. Kurios ist das nicht. Es hat vielmehr in der schon immer katholisch geprägten Eifel eine große Tradition. „Et lockt Bettglock“ – „es läutet die Betglocke“ -, „Et lockt Mettisch“ – „es läutet zu Mittag“ skandieren die Kinder etwa in Weinsheim bei Prüm. Oder auch „Et Lockt fird iarscht“ – „Es läutet zum ersten (mal)“ und „Et lockt zu Hof“ – die Aufforderung an die Kirchgänger sich auf den Weg zur Karfreitag-Liturgie zu machen.

„Et lockt Mettisch“ – „es läutet zu Mittag“ deklamieren die Klepperkinder in Büdesheim 2009. Foto: Udo Schikora

Appelle im Dialekt, die in den Dörfern unterschiedlich ausgesprochen werden, aber immer die gleiche Botschaft haben: Wo zu der Zeit Christi am Kreuz und im Grab aus Respekt die Glocken schweigen, strukturieren die Klepperkinder den Tag. Bis zur Wiederauferstehungsfeier, der Ostermette in der Nacht zum Ostersonntag. Laras Opa Cornelius Bach, 83, ist natürlich auch selbst als Kind kleppern gegangen. Seine Klepper, ein Hämmerchen, das – ähnlich einer Handglocke – auf eine Holzleiste schlägt und dabei ein klapperndes Geräusch erzeugt – hatte er damals geschenkt bekommen.

Später hat Cornelius Bach die kleinen Instrumente, die auch die Schellen der Messdiener in der Kirche während der Karwoche ersetzen, selbst gebaut und den Klepperkindern in Stadtkyll geschenkt. War eine Raspel, Ratsche oder Klepper defekt – Opa Bach hat sie repariert. In der Regel werden die kleinen Instrumente für die Weck-Umzüge der Kinder durchs Dorf vererbt. Und ist die Karwoche vorbei, sind sie wohlbehalten aufbewahrt, bis sich kurz vor der nächsten Karwoche etwa in Hillesheim oder in Dedenborn in der Rureifel die Klepperkinder zu den Runden neu verabreden.

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Auch in Büdesheim machen die Kinder und Jugendlichen das weitgehend selbst: „Ein Aushang am Jugendheim reicht“, so Küsterin Elvira Scholzen. Die „Kleppermeister“, oder „Kupphären“, wie sie in Pronsfeld heißen – immer die Ältesten, die dabei sind – ordnen die Gruppen. Die Routen sind meist entsprechend den historischen Siedlungskernen der Orte. In Pronsfeld etwa gehen der Züge „durchs Oberdorf, durchs Mitteldorf, einer zu den ‚Holländern‘“, so Ortschronist Joachim Schröder. Unterwegs waren traditionell nur Jungen, die Messdiener der Pfarrgemeinde. Das hat sich mittlerweile geändert. Geblieben sind die gesungenen Dialektsätze und die Zeiten, zu denen gekleppert wird. „In meinem Geburtsort Mirbach haben wir aber auch noch am Morgen des Ostersonntag gekleppert“, so Conelius Bach: „Lück stohnt opp, Lück stohnt opp, sonst is der Herrjott vür Üch opp“. Die Dorfbewohner wurden so zur Ostermesse gerufen – rechtzeitig. Sonst sei Christus schon vor ihnen auferstanden.

Eine seltene Variante: eine schräg vor dem Bauch getragenen Ratsche.
Foto: Udo Schikora

Für manche ist der Lärm, den die selbst gebauten Holzinstrumente machen, schlicht Krach. Das akustische „Erlebnis“ ist unbestritten. Den Kindern, die dabei sind, macht das Spaß. Einerseits. Aber sie bekommen für den Glockenersatzdienst traditionell am Karsamstag, nach dem letzten Klappergang, eine Belohnung für das Jeräppel um den Ohren: Eier, Süßigkeiten, auch kleine Geldgeschenke.

Das Klappern oder Klepppern ist in Deutschland schon mindestens seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesen. Für Österreich hat es die UNESCO 2015 als „immaterielles Kulturerbe“ unter Schutz gestellt.

Hört man es nicht mehr, fällt das Schweigen der Glocken, das es ersetzt, dem Einen oder Anderen vermutlich gar nicht auf.

mm
Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

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