Hier kommt die Flitsch!

Von in Eifeltypisch, Tourismus
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Ruckel, Wackel – dann entspanntes Gleiten: das ist eine Fahrt im Schienenbus auf der 17,569 Kilometer langen Strecke zwischen Kall und Hellenthal. Hier kommt die Flitsch! Bis Ende Oktober, dann erst wieder ab Pfingsten, fährt der Rote mit dem weißen Dach noch jeden Sonntag auf der reaktivierten alten Regionalstrecke durchs Oleftal.

Viel Holz, schmale Kippfenster, rotes Kunstleder – nicht nur Eisenbahn-Nostalgiker kommen bei der Fahrt in der „Flitsch“ ins Schwärmen. Die Lichterkette deutet darauf hin, dass man den Schienenbus auch als Party-Zug mieten kann.

Ein spitzes, leicht quäkendes Trompetensignal. Da kommt „etwas irgendwie Schnelles!“ Marita Rauchberger weiß, dass der Begriff „Flitsch“ für das, was ihr Herzensanliegen ist und gerade durch die Wiesen bei Schleiden-Oberhausen rattert Ironie ist. Dennoch: Bis zu 50 Kilometer schnell auf freier Strecke darf der historische MAN-Schienenbus VT 9 der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg  – genau: MAN – immerhin werden. Zwischen Kall und Hellenthal vor allem durch das idyllische Oleftal.

Marita Rauchberger von der BUBI-Initiative.

Es geht über eine ganze Reihe von Schienenübergängen, nächster Halt ist Gemünd, Olef, Schleiden, Oberhausen, Blumenthal und Hellenthal. 17,569 Kilometer ist die eingleisige Strecke der „Oleftalbahn“ lang. Einen 130 Meter langen Tunnel durchfährt der gemütliche Schienenbus bei Gemünd – und mitten über den Dorfplatz von Olef ist Schrittgeschwindigkeit das Äußerste. Die Strecke hat das Schienen-Normalmaß: Da ist die Schleichfahrt auf Straßenniveau durchs Dorf sogar deutschlandweit einzigartig. Die „Oleftalbahn“, seit 2012 unter Denkmalschutz gestellt, verdankt ihren Taktverkehr an den Sonntagen zwischen Pfingsten und Ende Oktober der 1995 von 50 Gründungsmitgliedern ins Leben gerufenen „BuBI“, der Bahn- und Businitiative Schleidener Tal e.V. 1. Vorsitzender ist Wolfgang Heller aus Schleiden.

Regionalbahnen gab es in der Eifel über Jahrhunderte einige, die meisten waren aus strategischen Gründen angelegt worden – die Vorläufer der heutigen „Flitsch“ allerdings dienten fast ausschließlich zivilen Gütertransportzwecken. Schon vor der Inbetriebnahme der legendären ersten Eisenbahnstrecke Nürnberg-Führth 1835 hatte die Eisenverhüttung- und Bergbauindustrie im Schleidener Tal die Idee: Ein Zug durchs Oleftal zum Bahnhof in Kall, wo der Anschluss ans deutsche Gesamtnetz ist! Das würde der Eisenerzhütte „Grube Wohlfahrt“ oberhalb in Rescheid ebenso nützen wie den Rohstoffbedarf der Industrie im Tal darunter decken. In Gemünd-Mauel etwa führen die Gleise direkt an der ehemaligen Eisenhütte von Albert Poensgen vorbei, der hier einst 500 Arbeitern Lohn und Brot bot. Schließlich waren die Wälder drumherum schon weitgehend  für die Befeuerung der Öfen abgeholzt. Wie sollten anders benötigte Rohstoffe schnell und wirtschaftlich ins schmale Eifeltal kommen?

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Am 8. März 1884 wurde die einspurige „Secundärbahn Call=Hellenthal“ eingeweiht. Fast durchweg parallel und ebenerdig zur Straße zwischen Kall und Hellenthal gebaut, waren keine  nennenswerten Höhenunterschiede zu überwinden. Als neues technisches Bauwerk wurde nur der kurze Tunnel bei Gemünd in den Berg gesprengt. Er verbindet das Urfttal mit dem Oleftal.

Zum Güterverkehr kam schnell der Personenverkehr. Die „Oleftalbahn“ diente  dem aufkommenden Tourismus in der Eifel, aber bis 2005 auch dem Panzertransport hoch zum „Camp Vogelsang“. Eine eigene kurze Gleisstrecke bis Höddelbusch zur Umladung von der Schiene auf die Straße wurde gebaut. Große Bedeutung hatte die Bahn vor allem in den 1950er und 1960er Jahren, in denen auch die Personenbeförderung florierte. In den 1960er Jahren fanden täglich zehn Triebwagenfahrten in jede Fahrtrichtung statt“, heißt es im informativen Flyer zur Bahn. Aus dieser Zeit stammt auch der eigentliche Begriff „Flitsch“, der den damals komplett dunkelrot lackierten MAN VT 95-Triebwagen meint.

Kurbeln, schieben, drehen: Am Arbeitsplatz des Schienenbusführers ist Handarbeit gefragt.

Doch mit zunehmender Automobilisierung der Bevölkerung, dem Niedergang der Eisenhüttenindustrie im Schleidener Tal, dem Busverkehr im ÖPNV und neuen Zügen, die auf der kurzen Strecke durchs Eifeltal nicht mehr rentierlich einzusetzen waren, wurde der Betrieb ab 1981 nach und nach eingestellt, die Strecke schließlich stillgelegt. „1981, als der Personenverkehr endete, erschien sogar eine Todesanzeige der FDP“ erinnert sich die 61-Jährige Marita Rauchberger in Gemünd. Die Galeristin und „Kulturmittlerin ist seit ihrer Kindheit „bekennende Eisenbahnfreundin“. Sie arbeitet gerade an einem Buch zur wechselvollen Geschichte ihrer „Flitsch“.

Seit 1995 setzten sich Rauchberger und die „BuBI“-Initiative  das Ziel, die Strecke zu reaktivieren und einen Triebwagen wieder auf die Fahrt zu schicken. Erst schien eine schnelle Umsetzung möglich – doch von Seiten der Politik wurde BuBI ausgebremst. Ab 2003 war klar: Dann müssen es die Eisenbahnnostalgiker eben selber machen. Mit der Rhein-Sieg-Eisenbahngesellschaft (RSE) in Bonn wurde ein Partner gefunden, der die Strecke 2008 von der DB-Netz pachtete. Das NRW-Verkehrsministerium erteilte eine Betriebsgenehmigung für 50 Jahre. „Seit dem 1. August 2010 können wir wieder von Kall bis Hellenthal fahren“, freut sich Marita Rauchberger.

Passt so gerade: Die „Flitsch“ bei der Ausfahrt aus dem Tunnel bei Gemünd. Foto: Rauchberger

RSE hat sich auf den Kauf von historischen Schienenbussen spezialisiert – auch der rote MAN VT 23 mit dem weißen Dach der Oleftalbahn gehört dazu. Den ursprünglichen Schienenbus zwischen Kall und Hellenthal, der komplett rote MAN VT 95, wird von BuBI zu einmaligen Sonderfahrten gebucht. Zur Premierenfahrt 1995 auf der wieder frei gegebenen alten Strecke wurde sogar ein historischer TEE – Trans Europe  Express – von der DB-Strecke Köln-Trier ab dem Bahnhof Kall durchs romantische Eifeltal geschickt – auch entlang der Fachwerkhäuschen im Meterabstand im kleinen Olef. „Da lagen die Leute vor Begeisterung mit ihren Kameras bei der Fahrt über den Dorfplatz auf den Schienen“, wunderte sich Lokalzeitungsredakteur F.A. Heinen. Die „Flitsch“ ist eben ein Stück Heimat für die Menschen zwischen Kall und Hellenthal.

Damit sie fahren kann, kümmert sich die BuBI-Initiative um die Streckenpflege, macht wie die Nordeifel Touristik in Kall populär, dass die Bahn ja mitten durchs Tourismusgebiet Schleidener Tal und den Nationalpark Eifel fährt.  Zahlreiche Wanderwege wie der Eifelsteig passieren das Oleftal, Gemünd etwa ist Etappenort. Hier hält auch der „NationalparkShuttle“, der die Besucher hoch nach „Vogelsang IP“ oberhalb des Rursees, dem einstigen belgischen Militärcamp mit NS-Ordensburg-Vergangenheit bringt. Wer will kann die „Flitsch“ für Geburtstagsfahrten oder zur Hochzeit mieten. Dann wird der aktivierte Oldie zum Party-Zug.

Das gibt es nur in Olef in der Eifel: Ein Schienenbus fährt mitten durchs Dorf über die im Asphalt eingelassenen Gleise. BuBI-Vorsitzender Wolfgang Heller ist der Zugführer.

„Wenn sie fährt, ist sie auch meistens voll“, weiß Marita Rauchberger von der BUBI-Initiative. Fehlt nur noch die komplette Taktung mit dem „Eifel-Express“ der Deutschen Bahn, sieben Tage die Woche. Da müssen noch einige „dicke Bretter“ mit den Zuständigen gebohrt werden. Bis dahin hat man vorsorglich von sich aus den Fahrplan der „Flitsch“ (PDF) ab und nach Kall an den Takt der DB angepasst. Wartezeit beim Umsteigen höchstes fünf Minuten. Bitte das Gleis wechseln!

Und dann geht es in die Zeitmaschine: Einstieg durch die Ziehharmonika-Schiebetür, innen Holzverkleidung, die schmalen Kippfensterchen über den großen Scheiben, die roten Kunstledersitze mit den Eisenhaltegriffen an den Ecken. Der Fahrersitz auf dem runden Schemel, davor Kurbeltechnik wie damals. Und die „Flitsch“ rumpelt, die „Flitsch“ wackelt, bis sie ruhig dahingleitet.

INFO
In der Eifel gab es einige Regionalbahnen, die einst vor allem als Transportzüge für die Wirtschaft und aus militärisch-strategischen Gründen gebaut wurden. Heute sind ist die Trassen der einstigen „Ahrtalbahn“ oder der „Vennquerbahn“ beliebte Radwanderrouten. Die „Rurtalbahn“ zwischen Düren und Jülich und Düren und Heimbach ist im Taktverkehr der DB eingebunden. Die Rurtalbahn AG betreibt auch die schrittweise Reaktivierung der Strecke Euskirchen-Düren der „Bördebahn“ in der Nordeifel. Der „Vulkan-Express“ zwischen Engeln und Brohl-Lützing am Rhein dient vor allem touristischen Zwecken. Offen ist die Zukunft der früheren „Eifelquerbahn“ zwischen Andernach und Gerolstein. Zwischen Prüm und Gerolstein ist eine Entwidmung wahrscheinlich. Die Gleise würden abgebaut und die Trasse ebenfalls zum Radwanderweg.

Titelbild: Marita Rauchberger

mm
Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

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