Heller Schein in dunklen Gassen

Von in Coole Orte, Tourismus
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Eine alte Stadtmauer mit schmalen Tordurchfahrten und Wehrtürmen, romantische Fachwerkhäuser mit Blumenschmuck an den Fenstern, enge, verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflaster. Die Vorstellung vom Leben im Mittelalter wird in dieser Umgebung rasch lebendig. Die Dämmerung beginnt und taucht das Stadtbild in ein stimmungsvolles Licht: Lebendiges Mittelalter erleben bei Nachtwächter-Führungen in Ahrweiler

Mitten im geschäftigem, abendlichen Treiben steht ein seltsam gekleideter Mann mit Gewand, Laterne und Hellebarde. Auf seinem schwarzen Mantel blinken in zwei Reihen, goldene Knöpfe im Lichtschein. Er wartet jeden Freitag um 21 Uhr am Stadttor auf seine Gäste, denn hier beginnt die Nachtwächterführung durch die historischen Gassen von Ahrweiler.

Titelbild: Noch heute umfasst Ahrweiler eine 1800 Meter lange, fast vollständig erhaltene Stadtmauer. Vier Toranlagen – wie das Niedertor – gewähren Einlass in die historische Altstadt. Foto: fotolia.

Polizei, Feuermelder und Weckdienst

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Wenn heute Nachtwächter in den kleinen Städten der Eifel mit einer Touristenschar durch die abendlichen Gassen laufen, vergisst man schnell ihre ehedem wichtigen Aufgaben. In den wilden Zeiten des Mittelalters war es nachts auf den Straßen finster und unheimlich, denn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es noch keine Straßenlaternen. Viele Bürger waren froh, wenn sie in der Dunkelheit das beruhigende Geräusch des Nachtwächters hörten, der mit seinem klimpernden Schlüsselbund für alle Türen der Stadt, seiner silbern blitzenden Hellebarde und besonders seiner hell leuchtenden Laterne der Finsternis den Schrecken nahm. Nachtwächter waren zuständig für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zum Schutz der Bürger, hatten aber auch das Recht, Diebe festzunehmen. Außerdem warnten sie vor Feinden, die die Stadt angriffen, schlugen Alarm, wenn ein Feuer in der Stadt ausbrach und überprüften, ob das Stadttor und die Haustüren abgeschlossen waren.

Seitdem Lampen nachts die Straßen beleuchten und die Städte keine Stadtmauern mehr zum Schutz brauchen, gibt es keine richtigen Nachtwächter mehr. Heute übernehmen Polizei oder Sicherheitsdienste die Aufgaben von einst.

Noch heute umfasst Ahrweiler eine 1800 Meter lange, fast vollständig erhaltene Stadtmauer. Vier Toranlagen – wie das Niedertor – gewähren Einlass in die historische Altstadt. Foto: fotolia.

Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen

Pünktlich um Neun ertönt die Stimme des Nachtwächters in Ahrweiler, „Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: unsere Glock hat neun geschlagen! Neun versäumten Dank und Pflicht; Mensch vergiss der Wohltat nicht“. Mit den Zeilen des traditionellen Nachtwächterliedes beginnt der Gang durch die einst dunklen Gassen der Altstadt. Der Ahrweiler Nachtwächter verzaubert Jung und Alt in den mittelalterlichen Straßen der Rotweinmetropole. Jeden Freitagabend berichtet er in seinem detailgenauen, historischen Kostüm mit Hellebarde und Laterne aus längst vergangenen Tagen.

Feuer der Franzosen

Auf seinem Weg zum Ahrweiler Marktplatz liegt der Blankartshof, ein ehemaliger Adelshof von 1680, in dem heute das Stadtarchiv und die Touristinformation untergebracht sind. Neben dem Deutschen Hof ist der Blankartshof als einziger von den ehemals sieben Ahrweiler Adelshöfen erhalten geblieben, berichtet der geschichtsbewanderte Nachtwächter. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war Ahrweiler 1688 von französischen Truppen besetzt. Diese zogen sich zwar am 1. Mai 1689 zurück, zündeten dabei aber die gesamte Altstadt an. Das Flammenmeer des ‚Großen Brandes von Ahrweiler‚ machte nur vor wenigen Gebäuden halt. In der Laterne des Nachtwächters flackert eine Kerze und wirft warmes, gelbes Licht auf sein Gesicht: „Kaum zu glauben, aber die Ahrweiler ließen sich nicht entmutigen und bauten ihre Stadt getreu nach alten Stichen und Zeichnungen wieder auf“.

Mittelalterliches Flair mit engen Gassen und romantischen Fachwerkhäusern in Ahrweiler. Foto: fotolia.

Bunte Fähnchen flattern im Abendwind über die von Fachwerkhäusern gesäumten Gassen, die Geräusche der Stadt werden leiser, Autos hört man in der Fußgängerzone kaum. Rechts verläuft die Niederhutstraße und links öffnet sich der Blick auf den Marktplatz mit der 700 Jahre alten Sankt Laurentiuskirche. Der Himmel hat sich mittlerweile grau-schwarz gefärbt und der spitze, hellweiße Turm der ältesten gotischen Hallenkirche des Rheinlandes streckt sich imposant, wie eine übergroße Kerze, in die Nacht. Im Inneren der Kirche beeindrucken die bunten Deckenfresken aus dem 15. Jahrhundert, mit beseelten Heiligen, Szenen aus der Bibelgeschichte und die Darstellung zur Weihe der Kirche. Erst Restaurierungsarbeiten von 1903 im Inneren der Kirche legten die bis dahin unentdeckten Fresken frei.

Inzwischen ist draußen die dunkle Nacht hereingebrochen. Auf dem Kopfsteinpflaster verhallen die Schritte, Stimmen verlieren sich in der Nacht, kühle Luft weht der Schar um den Ahrweiler Nachtwächter entgegen als sie wieder aus dem Kircheninneren heraustreten. Nach etwa zwei Stunden ist der eindrucksvolle Rundgang durch Ahrweiler beendet. Die Gäste sind begeistert, in den Abend- und Nachtstunden wirkt das Flair der Fachwerkhäuser besonders stimmungsvoll.

Der abendliche Marktplatz in Ahrweiler mit der Sankt Laurentiuskirche. Foto: fotolia.

Überwältigende Geschichte des Mittelalters

Die nächtliche Wirkung der spannenden Geschichte des Mittelalters überwältigt viele Teilnehmer der Nachtwächterführungen. Sie fühlen sich in der historischen Altstadt von Ahrweiler in frühere Zeiten versetzt. Führungen mit dem Nachtwächter gibt es in vielen weiteren Orten in der Eifel, darunter Kaisersesch, das Burgdorf Kerpen, Stolberg oder Nideggen.

 

 

mm
Vor den Toren meiner rheinischen Heimatstadt liegt die Eifel. Die nahe Mittelgebirgsregion ist häufig Ausflugsziel und Zufluchtsort zugleich. Vielfältige landschaftliche und kulturelle Reize begeistern mich ebenso wie die lebendige Geschichte und die regionalen Spezialitäten. Bei Wanderungen in der abwechslungsreichen Natur sammle ich als Stadtmensch kreative Energie für neue Projekte.

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