Heinrich Böll in Langenbroich: „die Cordjacke hängt noch über der Stuhllehne…“

Von in Artikel, Typen der Eifel
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In „Bölls Arbeitszimmer so, wie er es verlassen hatte, hängt die Cordjacke noch über der Stuhllehne“, erinnerte sich der Schriftstellerkollege Dieter Kühn in seiner biographischen Skizze für die Heinrich-Böll-Stiftung im Jahr 2000. Fast zwanzig Jahre seines bewegten Lebens verbrachte der Autor, Übersetzer und Literaturnobelpreisträger im kleinen Eifeldorf Langenbroich. Verschiedene Werke von Heinrich Böll, wie seine Essays „You enter Germany“ von 1966 (zu den Kämpfen im nahen Hürtgenwald) und „Die Juden von Drove“ von 1982 oder „Lauter Belästigungen“ aus Bölls Todesjahr 1985 beschreiben die Orte und Begebenheiten in der Eifel und haben Langenbroich ein bleibendes, literarisches Denkmal gesetzt.

Heinrich-Böll-Weg: Auf den Spuren des Schriftstellers Böll durch die Eifel

Der Wanderweg auf den Spuren von Heinrich Böll, der hier oft selbst auf Spaziergängen unterwegs war, hat eine Länge von rund 5 Kilometern und beginnt am Parkplatz in Bergstein. Hinter der mittelalterlichen Pfarrkirche, mit gegenüberliegendem Kriegerdenkmal, steht noch heute die „Burgschenke“, die Böll angeblich gern besuchte, während er im rund 7 Kilometer entfernten Langenbroich wohnte. Der Weg führt über den steilen Burgberg zu einen unzerstörten Bunker der zweiten Westwalllinie und dem Krawutschketurm, der je nach Wetterlage eine hervorragende Aussicht bietet. Zur Orientierung der „Eifel-Blicke“ sind am Turmgeländer Tafeln angebracht. Über den Ringweg um den Burgberg erreicht man hinter dem ehemaligen Forsthaus die Ruine eines Kommandobunkers. Weiter geht es bergab auf den Mühlenweg Richtung Zerkall. Entlang dieses Abschnittes im unteren Kalltal fanden Anfang Februar 1945 die letzten Kämpfe im Hürtgenwald statt. Die etwa zweistündige Wanderung endet in Zerkall an der Rur und am Nationalpark Eifel-Infopunkt. Über eine Zusatzroute entlang der Bahnlinie und durch das Rurtal kann man anschließend Richtung Westen zurück zum Ausgangspunkt des Heinrich-Böll-Wegs in Bergstein wandern.

Die Schlacht im Hürtgenwald

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Heinrich Böll war aufgrund seiner eigenen Erfahrungen als Soldat ein engagierter Kriegsgegner. Nun führt der Heinrich-Böll-Weg ausgerechnet rund um das Gebiet des Hürtgenwaldes – Schauplatz einer der schlimmsten Schlachten in der Eifel, die Böll literarisch in „You enter Germany“ verarbeitete und erbitterte Schießereien sogar innerhalb einer Kirche beschrieb. Auch wenn die Kämpfe im Hürtgenwald ein Nebenkriegsschauplatz am Ende des zweiten Weltkrieges darstellen, waren sie doch für die alliierten Truppen ein Synonym für Tod und Verwundung. „Hurtgen“, das klang für die Amerikaner wie „hurt“, also verletzen – nur mit einer deutschen Endung. Nach dem schnellen Vormarsch von der Normandie durch die Eifel, warteten die Truppen vergeblich auf Nachschub durch die Briten. Die „Operation Queen“, an der auch der spätere Nobelpreisträger Ernest Hemingway als Kriegskorrespondent teilnahm erlag schwersten Verlusten im „Hurtgen Forest“. Wochenlange Kämpfe im dichten Wald tobten rund um Monschau, Aachen und Düren. Eines der regenreichsten Gebieten Westeuropas bot im Herbst 1944 zusätzlich das schlechteste Wetter seit Jahrzehnten. So blieben die Truppen im unwegsamen Gelände und im Schlamm stecken und die US-Division erfuhr im November 1944 eine ihrer größten Niederlagen in dieser „grünen Hölle“.

Die nach Kriegsende zurückkehrende Bevölkerung fand völlig zerschossene Dörfer, Wälder voller Toter und eine Wüste aus Schlamm, durchsetzt mit zerstörtem Kriegsmaterial vor, das immer wieder Waldbrände auslöste, die kaum gelöscht werden konnten. Noch weit bis in die 1950er Jahre forderte die Nachwirkungen dieser Schlacht eine hohe Zahl an zivilen Opfern, die erst viel später, nach dem Kriegsgeschehen, durch Blindgänger und Minen ums Leben kamen. Inzwischen sind die Dörfer wiederaufgebaut, die Wälder aufgeforstet und die Landschaft sieht aus, als habe hier nie ein Krieg stattgefunden. Schaut man jedoch genau hin, erkennt man hier alte Truppenunterstände, Granattrichter oder Bunkerruinen.

Bölls Geburtshaus in der Kölner Südstadt. (Foto: Autorin)

100 Jahre: „Der gute Mensch von Köln“

Doch zurück zum Anfang: Einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller wurde am 21. Dezember 1917 in Köln geboren. Sein Geburtshaus steht noch heute in der Kölner Südstadt. Eine schlichte Inschrift an der gläsernen Eingangstür erinnert an den berühmten Bewohner der Teutoburger Straße 26. 1917 war eines der schlimmsten Jahre im Verlauf des Ersten Weltkrieges. Die Bevölkerung litt an Hunger und die wirtschaftlichen Aussichten waren schlecht. Bölls Vater war Schreinermeisters und Holzbildhauers, mit der wachsenden Inflation verlor er jedoch seine Arbeit. Die Familie musste 1922 notgedrungen ihre Wohnung im Eckhaus zur Alteburger Straße verlassen und in ein ärmliches Quartier im Kölner Vorort Raderberg umziehen. Erst 1930 kamen die Bölls wieder in die Südstadt zurück. In einem Text von 1965 erinnert sich Heinrich Böll an seine frühe Kindheit: „In der Teutoburger Straße hatten wir schön gespielt: im Römerpark, im Hindenburgpark (heute: Friedenspark), meistens auf der Straße, auf dem Bordstein sitzend, mit den Füßen in der Gosse, noch zu klein, um Hüpfen zu spielen, doch groß genug, um Ball zu spielen, zum Ärger jenes Herrn, der Kinder so wenig mochte wie Bälle und schlicht „Ballabnehmer“ genannt wurde (…) Sie (Teutoburger Straße) lag nicht weit vom Rhein; im Herbst lag auf der Uferpromenade das Laub kniehoch, im Frühjahr stand dort Hochwasser…“

Erinnerung an Heinrich Böll an der Eingangstür. (Foto: Autorin)

In den damals üblichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen herrschten ein strenger katholischer Glaube und eine natürliche Ablehnung des aufkeimenden Nationalsozialismus vor. Böll besuchte die Volkschule und das Gymnasium und begann nach dem Abitur 1937 eine Ausbildung Buchhändler in Bonn. Zeitgleich begann er seine ersten schriftstellerischen Versuche. 1938 wurde Heinrich Böll zum Reichwehrdienst eingezogen, konnte aber im Folgejahr ein kurzes Germanistik- und Philologie-Studium an der Universität in Köln beginnen. Denn im Sommer 1939 musste er dem Ruf der Wehrmacht folgen, blieb bis 1945 Soldat und wurde mehrfach verwundet. In dieser Zeit schrieb Böll zahlreiche Briefe an seine Familie und seine Frau, bis er in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Bereits 1942 heiratete Böll während eines Fronturlaubs Annemarie Čech, eine langjährige Freundin seiner großen Schwester Mechthild. Der erste gemeinsame Sohn starb kurz nach der Geburt 1945, drei weitere Söhne kamen 1947, 1948 und 1950 zur Welt.

Zurück in Köln schreibt sich Böll wieder an der Universität ein, auch um Lebensmittelkarten zu erhalten. In den harten Nachkriegsjahren arbeitet Annemarie als Lehrerin und sichert durch ihren Beruf die Existenz der jungen Familie. Heinrich schreibt seine ersten Romane und zahlreiche Kurzgeschichten, allesamt über die Erlebnisse im Krieg, in der Nazi-Zeit und den Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Für seine Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften erhält Böll kleine Honorare, die den Unterhalt der Familie jedoch längst nicht sichern. 1948 verliert Annemarie Böll überraschend ihre Anstellung im Schuldienst.

Das Ehepaar beginnt gemeinsam Übersetzungen aus dem Englischen anzufertigen und knüpft so Kontakte zu deutschen Verlagshäusern. 1951 erhält Böll eine Einladung der Gruppe 47, ein Schriftstellertreffen zur Förderung junger, noch unbekannter Autoren. Hier gewann Böll auf Anhieb ein Preisgeld von 1.000 Deutschen Mark und einen Autorenvertrag beim frisch gegründeten Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. Nach vielen Rückschlägen bedeutet diese Auszeichnung den Durchbruch für den Schriftsteller Heinrich Böll.

Klassiker der Reiseliteratur und Liebeserklärung an die Eifel

Viele seiner Werke erschienen in den 1950er und 1960er Jahren, dazu beschäftigte sich der Schriftsteller zunehmend mit der katholischen Kirche und der politischen Situation in Deutschland sowie in anderen Ländern. Seit 1954 reiste Heinrich Böll zusammen mit seiner Frau und den drei Söhnen immer wieder nach Irland (Irisches Tagesbuch, 1957), die dort erfahrene Abgeschiedenheit und landschaftliche Weite verlieh im schöpferische Kraft. Zurück in Köln, suchten die Bölls nach einem Ort abseits der Stadt, mit einer ähnlichen Ruhe für die Arbeit an neuen Romanen und fanden diesen in Langenbroich in der Eifel.

In der kleinen Gemeinde Kreuzau im Kreis Düren in der Nordeifel und im Erholungsgebiet Rureifel fanden Heinrich und Annemarie Böll eine alte Hofanlage aus dem 17. Jahrhundert. 1966 kauften sie das ehemalige Bauernhaus in Langenbroich, das der Familie zunächst als Sommerhaus diente.

1971 erscheint Bölls umfangreichster und bedeutendster Roman Gruppenbild mit Dame, in dem er nach eigenen Angaben viele seiner früheren Arbeiten aufgriff und weiterführte. Seine Sicht auf die Außenseiter am Rande der Gesellschaft wird zum Bestseller und begründet die Verleihung des Literaturnobelpreises 1972 an Böll als ersten deutschen Preisträger nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zuvor, noch im selben Jahr wurde Böll als engagierter Kritiker der deutschen Innenpolitik von den Medien diffamiert. Die Hetzkampagne gegen den Schriftsteller gipfelte in der Forderung nach seiner Ausreise aus der Bundesrepublik. Seitdem galt Heinrich Böll in konservativen Kreisen als ein geistiger Sympathisant des Terrorismus, weil er sich mit dem Werdegang von Ulrike Meinhof auseinandersetzte. Im Sommer 1972 kam es zu einer spektakulären Hausdurchsuchung bei den Bölls. Die Behörden vermuteten– provoziert durch Presseberichte – im kleinen Eifelort ein Versteck der gesuchten RAF-Mitglieder. Die Berichte über diese Aktion gehen weit auseinander, laut Böll durchsuchten bis zu 20 schwer bewaffnete Polizisten sein Haus in Langenbroich.

Der Eifelort Langenbroich geriet im Februar 1974 erneut in die Schlagzeilen, als Böll 1974 seinen Kollegen Alexander Solschenizyn, der aus der damaligen Sowjetunion ausgewiesen worden war, in seinem Haus aufnahm. Noch heute bietet das Heinrich-Böll-Haus in der Eifel verfolgten Schriftsteller, Komponisten, bildende Künstler aus aller Welt eine Zufluchtsstätte und ein Stipendium, um für einige Zeit ungestört in der Eifel arbeiten zu können.

Seine Erfahrungen mit Staatsgewalt und Boulevardpresse schrieb Böll 1974 in seiner bekanntesten Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum nieder. Mit dem Untertitel „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ zeigt Böll eindrucksvoll, wie Menschen zu Opfern einer reißerischen Berichterstattung werden. Die autobiografische Verbindung zu seinen eigenen Erlebnissen manifestiert sich in Bölls Vorwort: „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“ Das Buch wurde in über 30 Sprachen übersetzt und vom für seine Literaturverfilmungen bekannten Regisseur Volker Schlöndorff verfilmt. Bis 2017 verkauften sich weltweit 2,7 Millionen Exemplare des Buches.

Zusammen mit seiner Frau arbeitete Böll an einigen Übersetzungen aus dem Englischen. Berühmt wurde Bölls erste deutsche Übersetzung des Romans „Der Fänger im Roggen“ von Jerome D. Salinger. Der spätere Pulitzerpreisträger war als Soldat ebenfalls in der Eifel und an der Schlacht im Hürtgenwald beteiligt. Dort schrieb er vermutlich die ersten Kapitel seines Nachkriegsklassikers.

Bölls 1979 veröffentlichter Roman Fürsorgliche Belagerung spielt in der Zeit des Deutschen Herbst 1977 (eine der schwersten politischen Krisenzeiten in der Geschichte der Bundesrepublik) und erzählt als Mahnmal gegen Gewalt von den Schattenseiten des Kapitalismus, den Nachwirkungen des RAF-Terrors. Seit den 1970er Jahren engagierte sich der Schriftsteller stark in der Friedenbewegung und nahm als aktiver Gegner des NATO-Doppelbeschlusses 1983 zusammen mit Prominenten und Tausenden von Demonstranten an der Sitzblockade einer Raketenbasis teil.

Heinrich Böll war Zeit seines Lebens starker Raucher und litt seit längerem an einer Gefäßerkrankung am rechten Bein. Anfang Juli 1985 wurde er in einer Klinik bei Köln operiert. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kam er zurück nach Langenbroich, wo er jedoch am 16. Juli 1985 unerwartet verstarb, seine Frau Annemarie Böll bewohnte das Haus noch bis 2004.

Mehr Informationen zu Heinrich Böll gibt es auch hier.

mm
Vor den Toren meiner rheinischen Heimatstadt liegt die Eifel. Die nahe Mittelgebirgsregion ist häufig Ausflugsziel und Zufluchtsort zugleich. Vielfältige landschaftliche und kulturelle Reize begeistern mich ebenso wie die lebendige Geschichte und die regionalen Spezialitäten. Bei Wanderungen in der abwechslungsreichen Natur sammle ich als Stadtmensch kreative Energie für neue Projekte.

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