Eifelwein

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Eifelwein – Wer kennt es nicht, das herbe Bier der Eifel, das den Namen der Stadt Bitburg in die ganze Welt getragen hat? Neben dieser Ikone des Untergärigen zischen noch weitere bemerkenswerte Biere durch die Zapfhähne der Region, die ebenfalls in der Eifel gebraut werden. Bei aller Bierseligkeit übersehen viele, dass das Bierland Eifel auch überragende Weine keltert nämlich an der Ahr.

Bis zu 300 Meter tief ins Schiefergebirge eingeschnitten präsentiert sich das mittlere Ahrtal zwischen Altenahr und Ahrweiler mit seinen pittoresken Flussschleifen und den herrlich kleinparzellierten Weinbergterrassen. Fast scheint es, als haben die Architekten der neuen Elbphilharmonie sie als Vorbild für die Innenraumgestaltung des Prachtbaus gewählt, sitzt das Publikum in Hamburg doch in ähnlicher Anordnung wie die Rebstöcke an der Ahr.

Indes ist das Musikprogramm hier deutlich eingeschränkter: Nur gelegentlich schlängelt sich die Ahrtalbahn dieselbrummend und pfeifend am Flüsschen entlang, und wenn nicht gerade Wochenende ist, reduzieren sich weitere Motorengeräusche auf das gemütliche Tuckern von Weinbergstraktoren im Viervierteltakt. Dafür ist die Rebe hier im Regenschatten der Eifel trefflich mit anderen Gnadengeschenken gesegnet, wie etwa mit unzähligen Sonnenstunden, launisch gefalteten mineralreichen Böden und ausreichend Niederschlag. Wenn es mal abkühlen sollte, speichern Trockenmauern und Felsformationen geduldig die Wärme des Tages und geben sie nachts wieder ab. Kalte Winde verirren sich nur selten hierher, sie jagen lieber von den gar nicht weit entfernten höchsten Erhebungen des Eifellandes über das Kerbtal hinweg. Kein Wunder, dass an der Ahr Weine entstehen, die ihresgleichen suchen und auch im Concerto grosso der internationalen Weinszene mithalten können, wie viele Auszeichnungen eindrucksvoll belegen.

Tonangebende Sorten sind die roten Burgunderreben. Der alles beherrschende Spätburgunder wird als König der Rotweine bezeichnet und kann seine Stärken vorzugsweise in den Cool Climate-Regionen wie dem Burgund oder eben der Ahr ausspielen. Hier bringt der Klassiker besonders fruchtige, filigrane und vielschichtige Tropfen hervor und behauptet sich glänzend als kompletter Gegenentwurf fetter Trinkmarmeladen mediterraner Provenienz. Dafür zeigt sich die Rebe im Berg als wahre Operndiva, eigensinnig bis zum Dorthinaus, kapriziös und empfindlich. Es braucht schon einen bodenständigen, geduldigen Winzer-Charakter mit viel Erfahrung, um die klarsten Noten aus ihr herauszuholen. Der Frühburgunder ist eine natürliche Mutation des Spätburgunders. In der Regel reift er zwei Wochen früher, daher der Name. Er stellt die Weinmacher der Ahr wiederum vor andere Herausforderungen als der Bruder: So sind seine Beeren kleiner und liefern geringere Erträge. Im Gegenzug belohnt er seine Fangemeinde huldvoll mit einem wunderbar fruchtigen Aromenspiel und würzigen Anklängen bei etwas vollerem Körper.

Die Organisation Slow Food hat ihn deshalb auch als regionaltypische, identitätsstiftende Rebsorte in die „Arche des Geschmacks“ aufgenommen. Hingebungsvoll widmen sich die Winzerinnen und Winzer an der Ahr dem Frühburgunder. Gerne geben sie den Spruch zum Besten, dass man Spätburgunder auf den Tisch stellt, wenn Verwandte zu Besuch kommen und Frühburgunder, wenn sie wieder gegangen sind. Im größten zusammenhängenden Rotweinanbaugebiet Deutschlands werden natürlich auch Weißweinsorten kultiviert wie etwa der Riesling oder der Weiße Burgunder. Auch sie finden ihre Anhänger. Auf die Weißweinfraktion wartet an den Ufern der Ahr aber noch ein anderer Gaumenkitzel, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, nämlich Weißwein, der aus roten Trauben gekeltert wird: der „Blanc de Noir“. Bei dieser Spezialität werden die Trauben roter Sorten wie etwas Spätburgunder gepresst und dann direkt von der Beerenschale getrennt. Das Innere von roten Trauben ist in der Regel hell. Bei der herkömmlichen Rotweinbereitung lässt man Schalen und Saft zusammen gären. Erst nach tagelangem Kontakt, geben die Schalen die roten Farbstoffe ab und färben den Wein, er wird rot.

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Will man aber einen Blanc de Noir gewinnen, lässt man nur den hellen Saft ohne Schale gären. Die Farbstoffe bleiben größtenteils draußen. Es entstehen weiße Weine, die auch so behandelt werden: Gekühlt serviert, frisch und fruchtig folgen sie willig ihrer Mission als Terrassenweine in der Sommersaison. So können auch klassische Rotwein-Winzer ihrer Kundschaft einen Weißwein anbieten, wenn er auch nur eine Illusion ist. Passenderweise taufte das Weingut Meyer-Näkel in Dernau seinen Blanc de Noir so. Jährlich Ende März präsentieren 18 Weingüter der Ahr selbstbewusst ihren Weißen aus Schwarzem des neuen Jahrgangs beim „Blanc de Noir Check“. Ein zungenfertiges Publikum kann im direkten Vergleich des Sommer-Kultgetränks ihren Favoriten wählen.

So gar nicht in die Idylle des Tales passt ein monströses Relikt aus den Zeiten des kalten Krieges, nämlich der so genannte Regierungsbunker. Sein offizieller Name ist schon fast so lang wie das Bauwerk selbst: „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit (AdVB)“. Über 17 km erstreckt sich die Tunnelanlage unter den unschuldigen Weinbergen der Ahr und ist dabei mit ein paar Milliarden Euro der teuerste Bau der Bundesrepublik. 1960 begannen die Bauarbeiten der Anlage, die dazu diente, im Notfall die komplette noch im nahen Bonn praktizierende Bundesregierung, den Bundespräsidenten sowie rund 3.000 Personen aus Bundeswehr und Verwaltung, dort einzuschließen. Die an sich gute Idee ist nur gelegentlich zu Übungszwecken verwirklicht worden. Wie ein Gutachten bereits 1962 nahegelegt hatte, wäre der Bunker ohnehin bei einem Atomschlag kollabiert, was die fleißig buddelnden Bauherren aber nicht davon abgehalten hat, ihr Ding durchzuziehen. Erst 1997 beschloss die Bundesregierung, den langen Laden dicht zu machen und zurückzubauen. Mittlerweile hat auch die normale Bevölkerung die Möglichkeit, die heiligen Hallen – wenn auch nur auf einer Länge von rund 200 Metern – ebenso ehrfürchtig wie fassungslos zu betreten. Denn kluge Strategen kamen auf die Idee, wenigstens Teile der Anlage zum Museum „Dokumentationsstätte Regierungsbunker“ umzubauen und damit ein Symbol für den Irrsinn des Kalten Krieges zu schaffen.

Interessierten Staatsbürgern wird bei einer Besichtigung ein authentischer Eindruck des Bunkerlebens zuteil zum Beispiel in den Wohn- und Schlafräumen, die bar jeglicher Privatsphäre an die puristische Einrichtung früher Jugendherbergen gemahnen. Sie können sich im „Sanitätsbauwerk 29“ über die verstörende zeitgenössische Medizintechnik gruseln und über Dekontaminationsräume staunen, in denen die Höhlenbewohner gewissenhaft abgekärchert wurden. Man fragt sich, ob man im Ernstfall eigentlich besser innerhalb oder außerhalb des Bunkers aufgehoben gewesen wäre. Was Weinfreunde dabei umtreibt ist die Frage, wieviel Weinflaschen man wohl in 17 km naturgekühlter Tunnelräume hätte einlagern können. Vermutlich mehr, als die Ahr in Jahrzehnten zu produzieren imstande ist. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Weiterführende Links:

www.ahrtal.de
www.ahr.de
www.ahrwein.de
www.ahrsteig.de

ÖPNV: www.vrminfo.de

Gast-Autor:

Ingo Konrads mit Weinglas

Fotograf: foto-pongratz.de

Ingo Konrads ist mit Leib und Seele Weinkabarettist. Seit fünf Jahren steht er mit Weinwitz, Wahnwitz und Wortwitz auf hohen Bühnen und in tiefen Kellern. Mit seinen Comedy-Programmen hat er sich ein begeistertes Publikum erobert und bewiesen, dass der die Welt des Weins ein hohes Potenzial an Spaß und Komik birgt.

Exklusiv für „ENDLICHEIFEL“ schreibt der Künstler in loser Folge Beiträge über seine Eifelheimat.

Weitere Informationen: www.wein-comedy.de

 

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Mit seinen Comedy-Programmen hat sich Ingo Konrads ein begeistertes Publikum erobert und bewiesen, dass die Welt des Weins ein hohes Potenzial an Spaß und Komik birgt. Derzeit ist er mit seinem neuen Soloprogramm über Wein und Liebe „Zwei Herzen und drei Viertele“ unterwegs. Für „Endlich Eifel“ schreibt der Künstler in loser Folge Beiträge über seine Eifelheimat.

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