Eifeljugend (1): Eine andere Welt

Von in Artikel
Anzeige

In zwei Teilen machen wir die Eifeljugend auf Endlich Eifel zum Thema. Den Anfang machen Jugenderinnerungen unseres Autors Joachim Schröder und einer Endlich Eifel-Leserin. Teil 2 in einer Woche dreht sich um die Eifeljugend heute.

Jugendzeit vor 50 Jahren – einerseits war man in den 60er Jahren noch stark von den Kriegsfolgen mit all ihren Nachteilen geprägt, andererseits spürte man schon allmählich die Vorzüge der neuen, besseren Zeit. Mangel an Gütern gab es noch, aber der wachsende Wohlstand veränderte Wünsche und Lebensgewohnheiten der Konsumenten. Man suchte nach neuen Leitbildern. Coca-Cola, Jeans und Rock ’n‘ Roll wurden in den 1960er Jahren  Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. „Jugendmarken“ wie Ernte 23, HB, Frigeo, Storck-Kamellen und Kaugummi (aus Automaten!) waren sehnlichst erwünschte Produkte.

Nur zu gut erinnere ich mich, Jahrgang 1949, an das erste Badezimmer (1963) und den ersten Fernsehapparat (1966). Endlich konnte man neben „Fury“ und „Ekel Alfred“ auch die Fußball-WM aus England sehen – dicht zusammenhockend mit vielen Burschen aus dem Dorf im rauchgeschwärzten Wohnzimmer.

Nicht alle Bevölkerungsgruppen konnten zunächst vom Wirtschaftswunder profitieren. Dazu gehörten nicht nur soziale Randgruppen, sondern auch kinderreiche Familien und Rentner. Mit Hilfe von besonderen Gesetzen und Sozialreformen gelang ihnen der Anschluss an die allgemeine Einkommensentwicklung.

Anzeige

Mitte der 60er Jahre war auch der Grundbedarf an Kleidung gedeckt. Bedeutsam wurden nun Möbel und Haushaltsgeräte. Kühlschrank und Waschmaschine, zunächst für viele noch unerschwinglich, waren bis 1965 in den meisten Haushalten vorhanden. Der Autoboom und die Reisewelle ab den 60er Jahren markierten weitere Schritte zur Wohlstandsgesellschaft.

Die Jugend auf dem Land, so auch in der Eifel, wuchs einerseits in einer Welt voller Arbeit und häuslicher Mitsorge auf, konnte andererseits aber an den neuen wirtschaftlichen Errungenschaften teilhaben. In der landwirtschaftlich geprägten Eifel war Kinder- und Jugendarbeit an der Tagesordnung.

Mit anpacken: Der Autor als 14-Jähriger beim Holzhacken unter Aufsicht seins Vaters. Foto: Joachim Schröder

Doch die Zufriedenheit war groß, konnte man doch ab Mitte der 60er Jahre schon „in die Röhre schauen“, einen Traktor bedienen oder Musik vom eigenen Plattenspieler hören. Besonders wichtig war für uns Jugendliche in der Eifel die Mitarbeit in den örtlichen Pfarreien und Vereinen.

Kaum jemand, der nicht mit Begeisterung Messdiener war, Glocken bedienen oder eine Fahne tragen durfte. Damit eng verbunden war die Teilnahme an Festen aller Art: erst waren es kleine Dorf- und Chorfeste, später traten dann Pfarr-, Sport-, Feuerwehr- und Musikfeste hinzu. Das Fußballspielen in den Vereinen galt als erste Freizeitbeschäftigung, hinzu kam oft das Musizieren im Verein.

Und dann war da noch etwas: Ganz zaghaft wagte man es, sich mit einem Mädchen (oder Jungen) zu treffen, um „Zweisamkeit“ zu üben. Das war mit 17 oder 18 Jahren zuhause nicht gerne gesehen, also unternahm man kleine Spaziergänge oder traf sich irgendwo im Gelände.

Singen im Chor war für viele Kinder und Jugendliche nichts Ungewöhnliches, hier zum Erntedankfest 1965 in Pronsfeld. Der Dorfschullehrer dirigierte und der Herr Pfarrer war selbstverständlich auch dabei (hinten Mitte). Foto: Archiv Joachim Schröder

Eine heile Welt ?
Eine andere Zeit!

Jugend in der Eifel: Dorothea Kohlhaas aus Dockweiler, Jahrgang 1969, ist 20 Jahre jünger als unser Autor. Sie erinnert sich, dass in ihrem Heimatdorf Ende der 1970er Jahre längst noch nicht alle Straßen geteert waren: „Auf der Lavapiste haben wir Fahrrad fahren gelernt, Völkerball und andere Ballspiele gespielt.“ Und was ganz wichtig war – heute wohl nicht mehr selbstverständlich: „Unsere Freizeit hat immer draußen stattgefunden“. Es gab noch keinen Computer, in den analogen Zeiten begann selbst das Fernsehprogramm erst am späten Nachmittag: „Bei schönem Wetter hat uns das überhaupt nicht interessiert.“

Nach der Schule und der Erledigung der Hausaufgaben ging es zur Freundin, oder die Clique versammelte sich vor der Tür: „Es mussten zuvor keine Termine abgesprochen werden. Es war alles so herrlich einfach.“

Gemeinsam gingen die Kinder morgens zur Grundschule, die es noch in Dockweiler gab. Später fuhren die Jugendlichen mit dem Bus zu den weiterführenden Schulen in die Kreisstadt Daun. So ist es noch heute – auch für die Grundschüler heißt es: Wann kommt der Schulbus? Dorfschulen sind schon lange geschlossen, heute sind hier im Dorf oft die Bürger- oder Vereinshäuser.

Und im Winter, bei Schnee, wurde „der Schlitten rausgeholt und innerhalb von zehn Minuten waren wir auf der Schlittenbahn. Eine ganz normale, steile Straße“, so Dorothea Kohlhaas. Rücksicht auf Autos mussten die Kinder nicht unbedingt nehmen: „Das war auf dem Dorf eher umgekehrt!“

 

Titelbild: In den 1950er und 60er Jahren noch der Normalfall auf dem Dorf: Kinder und Jugendliche als Messdiener, auch bei der Fronleichnamsprozession durchs Dorf. Foto: Archiv Joachim Schröder

mm
Joachim Schröder aus Pronsfeld im Eifelkreis Bitburg-Prüm ist Brauchtumsforscher und hat bisher 19 Bücher über seine Heimat veröffentlicht: „Ich bin ein Kind der Eifel. Ich lebe und liebe die Eifel, weil es diese Landschaft tatsächlich kein zweites Mal gibt.“

0 Kommentare

Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*