Eifeler Glockengießer – Seltenes Kunsthandwerk mit Familientradition

Von in Tourismus, Typen der Eifel
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Zwischen Daun und Manderscheid, umgeben von den Maaren der Vulkaneifel liegt die Ortsgemeinde Brockscheid. Auch wenn dort nur rund 200 Eifeler leben, ist das kleine Dorf doch weitläufig bekannt. Grund hierfür ist die Eifeler Glockengießerei, die gegenwärtig in siebter Generation als Familienbetrieb geführt wird.

Schon seit dem 19. Jahrhundert werden in Brockscheid Glocken gegossen, doch die Tradition des Betriebes reicht sogar bis ins Jahr 1620 zurück. Das seltene Kunsthandwerk brachte August Mark 1840 in die Eifel, nachdem er viele Jahre auf Wanderschaft verbracht hatte. Früher goss man Glocken immer vor Ort, da der Transport sonst je nach Größe zu aufwendig oder gar unmöglich gewesen wäre.

Die Glocken haben das Dorf in der Eifel bekannt gemacht, denn es gibt nur noch sehr wenige Glockengießereien in Deutschland. Glocken aus der Vulkaneifel läuten sogar weltweit und ziehen heute viele Besucher an, die sich für das selten gewordene Handwerk interessieren. Von November bis Ende März gibt es nachmittags regelmäßige Führungen, die die Arbeit des Glockengießers anschaulich erklären.

Das Geheimnis des Glockengießers

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Das Profil der späteren Glocke zeichnet der Glockengießer zu Beginn des Arbeitsprozesses mithilfe der ersten Form auf ein Buchenbrett. Diese Aufzeichnung halten schon vor dem eigentlichen Guss, die Größe und das Gewicht der Glocke fest und bestimmt auch, welchen Ton sie läutet. Wie dieser Vorgang genau vonstattengeht, bleibt allerdings ein streng gehütetes Geheimnis des Glockengießers.

Aufwendige Handarbeit

Eifeler Glocken entstehen ausschließlich in Handarbeit. Der Herstellungsprozess ist aufwendig und erfordert eine ganze Reihe verschiedener Arbeitsschritte, jeder für sich mit einem hohen Maß an Präzision. Die Größe der Glocken kann sehr individuell bis zu einem Durchmesser von mehr als 2 Meter und einem Gewicht von 8 Tonnen bestimmt werden. Eine grob gemauerte Form aus Ziegelsteinen, umgeben mit einem Gemisch aus Lehm, Pferdemist und Rinderhaare für eine bessere Festigkeit, bildet den Glockenkern, das Innere der zu gießenden Glocke. Der Lehm wird in Schichten aufgetragen und mit einer eigens hergestellten Schablone abgezogen. Im Inneren der Form brennt ein Feuer, das die Lehmschichten trocknen lässt.

Eifeler Glocken entstehen ausschließlich in Handarbeit. Manche Einzelheiten im Herstellungsprozess bleiben das Geheimnis des Glockengießers. Foto: fotolia.

Die falsche Glocke

Weitere Lehmschichten auf dem fertigen Glockenkern werden aufgeformt und bilden eine sogenannte falsche Glocke. Darauf klebt der Glockengießer Inschriften und Verzierungen aus Wachs, die erhaben auf der fertigen Glocke erscheinen. Später schmilzt das Wachs beim Erhitzen der Form, Buchstaben und Darstellungen haben sich aber bereits im Negativ abgedrückt.

Die in mehreren Schichten mit feinem Zierlehm umpinselte falsche Glocke mit Inschriften und Verzierungen ergibt den Glockenmantel. Etwa acht Stunden lang wird die Form bei 600 bis 800 Grad Celsius ausgebrannt. Nach dem Erkalten, trennt der Glockengießer den Glockenmantel von der Form und entfernt die falsche Glocke. Der entstandene Hohlraum bildet den Platz für den anschließenden Guss der richtigen Bronzeglocke.

Nur vier bis fünfmal im Jahr findet der aufwendige Glockenguss statt. Dabei fließt 1200 Grad heiße Bronze aus einem Ofen durch kleine gemauerte Kanäle in die Mitte einer im Boden eingegrabenen Form. Aus zwei weiteren Löchern entweichen beim Guss entstehende Gase, die in großen Flammen lodernd verbrennen.

Nach dem nur zehn Minuten dauernden Guss kühlen die Glocken einige Tage aus. Direkt nach dem Gießvorgang segnen die Pfarrer die Kirchenglocken. Gemeindemitglieder vom neuen Bestimmungsort der hergestellten Glocken sind beim Guss meist vor Ort anwesend und beten für ein gutes Gelingen.

Sind die Glocken abgekühlt, wird die Hülle entfernt und der richtige Klang noch in der Gießerei getestet.

Die Petersglocke im Kölner Dom wird seit fast fünfzig Jahren von der Eifeler Glockengießerei gewartet. Foto: fotolia.

Der dicke Pitter im Dom zu Köln

Wer ihn schon einmal läuten gehört hat, vergisst dieses Klangerlebnis nicht so schnell. Mit einem Gewicht von 24 Tonnen und einem Durchmesser von 322 Zentimetern war die Petersglocke im Kölner Dom lange Zeit die größte frei schwingende Kirchenglocke der Welt. Ihr tiefer, beeindruckender Ton hallt aber nur selten über die Stadt. Nur an 18 Tagen im Jahr, den hohen kirchlichen Feiertagen darf die 1923 in Erfurt gegossene Glocke erklingen. Ausnahmen sind nur sehr wichtige Anlässe, wie der Tod eines Papstes, der Tag der Wiedervereinigung Deutschlands oder auch das Kriegsende 1945.

Zwei Tage vor Fronleichnam erfolgten jedoch regelmäßige Wartungsarbeiten aller Glocken des Kölner Doms, bei denen das Läuten des dicken Pitters auch erlaubt ist. Mit der Wartung beauftragt ist in langer Tradition seit 1968 und somit seit fast fünfzig Jahren die Eifeler Glockengießerei. In einer innigen Beziehung zu jeder einzelnen Glocke findet Glockengießer Mark am jeweiligen Klang Veränderungen und Verstimmungen des Geläutes.

In diesem Jahr fand die routinemäßige Wartung der Domglocken am 14. Juni zusammen mit einer Herforder Firma statt. Doch 2017 wird ein Jahr ohne das Geläut des dicken Pitters: zur Klangverbesserung soll eine Änderung an der Aufhängung des Klöppels der Glocke erfolgen. Die Aufhängungsplatte ist ein eigens gefertigtes Einzelstück, Planung und Umbau brauchen ihre Zeit.

Schon 2011 gab es eine Phase ohne den Klang der Petersglocke in Köln. Der 800 Kilogramm schwere Klöppel beim Feiertagsläuten zum Dreikönigstag nach fünf Schlägen abgebrochen. Der Klöppel fiel damals auf den Holzboden des Glockengestühls. Den dumpfen Aufschlag registrierte sogar die Erdbebenstation in Bensberg, mit ihren vier Erdbeben-Messstationen im Dom.

Glocken und Kanonen

Im Verlauf der Geschichte waren Glockengießer in militärisch-geprägten Zeiten wichtig für die erfolgreiche Kriegsführung, denn sie konnten nicht nur Glocken herstellen, sondern auch Waffen und Kanonen gießen. Heute ist das Handwerk durchweg friedlich, aber nicht weniger vielfältig.

Das beschauliche Glockengießerdorf Brockscheid ist umgeben von den Maaren der Vulkaneifel. Foto: fotolia.

Neben großen Kirchenglocken fertigen die Eifeler Glockengießer ebenso kleine Glöckchen aus Messing und Bronze, alle Arten von Bronzekunstguss bis hin zu Ofenplatten aus Bronze und Eisen. Glockenstühle aus Holz und Stahl, Turmjalousien und Klöppel stellt die Glockengießer ebenso her wie Läutemaschinen, Turmuhrenanlagen, Treppen und Turmaufstiege.

Im Turm der Pfarrkirche von Brockscheid unweit der Eifeler Glockengießerei rufen gleich vier heimische Glocken die Menschen des Glockengießerdorfes in der Vulkaneifel zum Kirchgang.

 

mm
Vor den Toren meiner rheinischen Heimatstadt liegt die Eifel. Die nahe Mittelgebirgsregion ist häufig Ausflugsziel und Zufluchtsort zugleich. Vielfältige landschaftliche und kulturelle Reize begeistern mich ebenso wie die lebendige Geschichte und die regionalen Spezialitäten. Bei Wanderungen in der abwechslungsreichen Natur sammle ich als Stadtmensch kreative Energie für neue Projekte.

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