Christine Runge – Die Cineastin und ihr Kino

Von in Typen der Eifel
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Seit 74 Jahren besteht die „Eifel-Film-Bühne“ in Hillesheim. Christine Runge ist Cineastin.
Vor 26 Jahren stellte sie das Filmangebot zum Programmkino um. Ihr Motto: „Ich mache Kino in der Provinz – kein Provinzkino.“

Mittlerweile ist die Filmprojektion auf Digitaltechnik umgestellt. Die graue Kiste im Hintergrund ersetzt die guten alten Analog-Projektoren mit den Filmrollen.

Mittlerweile ist die Filmprojektion auf Digitaltechnik umgestellt. Die graue Kiste im Hintergrund ersetzt die guten alten Analog-Projektoren mit den Filmrollen.

Christine Runge steht im kleinen Vorführraum in Hillesheim und lugt durchs Projektorfenster vor der 2011 auf Digitaltechnik umgestellten Hardware ihres Kinos: eine graue Kiste ohne Filmrolle. Das war schon eine Investition – doch sie und Ehemann Günter Runge haben es riskiert. Sonst wäre es ja auch das „Aus“ gewesen. Nach 69 Jahren. Der jetzt noch leere Saal der „Eifel-Film-Bühne“ wird wenige Minuten später fast bis auf den letzten der 221 Sitzplätze besetzt sein. „Weltfrauentag“ im Hillesheimer Programmkino. Gezeigt wird „Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen“ von Theodore Melfi.

In einem Saal, der den unverwechselbaren Charme der 50er Jahre hat. Stoff bespannte Wände, ein sanft ansteigendes Parkett zu den Sperrsitzen. Vorne die große Leinwand. Auch die 63-jährige gebürtige Gerolsteinerin kann sich ja an ihre Kindheit im Kino ihrer Heimatstadt erinnern. Wie sich nach dem Vorfilm der Vorhang schloss, die Saalbeleuchtung anging, ein Gong ertönte, die Beleuchtung wieder erlosch, während sich feierlich der Vorhang öffnete und jetzt erstmals den Blick auf die Leinwand im Vollformat freigab.

„Dick und Doof“ auf dem Garagentor, daneben der Eingang zum Lichtspieltheater: Die „Eifel-Film-Bühne“ in Hillesheim

„Dick und Doof“ auf dem Garagentor, daneben der Eingang zum Lichtspieltheater: Die „Eifel-Film-Bühne“ in Hillesheim

Großes, Lustiges, Spannendes, Verstörendes kündigte sich im Dunkel an: Der Hauptfilm. Und nach dem Kino steckte man als Kind „immer noch im Film.“ Genauso ist es bis heute in der Hillesheimer „Eifel-Film-Bühne“ geblieben – nur der Vorhang fehlt. „Der kommt 2018, wenn unser Kino 75 Jahre besteht, zurück“, freut sich Christine Runge.

Die Cineastin und Überzeugungstäterin ohne Kompromisse wenn es um den „guten Film“ geht, strahlt ein bisschen vor Vorfreude. Kollektive Kinoromantik statt Video on Demand am Flachbildschirm Zuhause – aber bitte sehr! Dabei war Runge die Cineastin nicht vorgezeichnet. „Mit meinem Mann habe ich auch das Kino geheiratet“, lacht sie. Ehemann Günter führt in Hillesheim ein Radio- und HiFi-Fachgeschäft, seine Mutter leitete den Kinobetrieb. Als Christine Runges Schwiegermutter starb, war klar: „Es wird weitergehen, das war ihr Herzenswunsch“, erinnert sich die Schwiegertochter.

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Aber als Programmkino, wie man es aus den Städten kennt. Mutig. Runge muss so gesehen immer wieder cineastische Aufklärungsarbeit leisten und sich vor allen Dingen „auf mein Bauchgefühl“ bei der Filmauswahl verlassen können. Was sie ihrem „lieben Publikum“, wie sie im monatlichen Programmleporello ihr Grußwort überschreibt, ans Herz legt, gehorcht anderen Maßstäben als der „Mainstream“. „Ich mag zum Beispiel Filme, die Menschen zeigen, die neue Wege gehen. Gute Unterhaltung jenseits der „Hau-Drauf-Bums-Adrenalin“-Streifen. Filme, die zum Widerspruch herausfordern, die kritisch Position beziehen. Eine Einschränkung aber gilt immer: Es müssen gut gemachte Filme sein. Was sie auswählt, hat sie nach Möglichkeit vorher gesehen.

Mit dem für gut Befundenen bestückt sie so 13 Vorstellungen pro Woche mit immer zwei Hauptfilmen, Kurzfilmen, den immer beliebter werdenden Dokumentarfilmen, Sonderveranstaltungen wie „Kino Vino“, Filme zum Weltfrauentag, Filme in Originalsprache mit deutschen Untertiteln, britische-, französische- oder Schulkinowochen, das „Kinderkino“ und das „Kino am Nachmittag“. Dazu stellt sie ihr Kino für Lesungen und Diskussionen zur Verfügung. „Happy Kadaver“ an Fronleichnam etwa, wenn sich fünf Krimiautoren eine muntere schwarzhumorige Krimi-Lese-Battle liefern, ist immer im Nu ausverkauft.

Das kleine Kassenhäuschen gibt es schon seit Jahrzehnten.

Das kleine Kassenhäuschen gibt es schon seit Jahrzehnten.

Das alles fordert Einsatz von Runge. Sie fährt zur Berlinale, zum Leipziger Dokumentarfilmfest: Stunden langer Marathon bei einem speziellen Preview-Programm für sie und die anderen Mitglieder in der Arbeitsgemeinschaft Kino. Und dann heißt es zugreifen und eine Filmkopie buchen. Hat sie sich in der Einschätzung bei der Kopie-Buchung vertan, kann sie den Fehler eingestehen. Dann entschuldigt sie sich bei ihrem „lieben Publikum“ im Programmleporello für den gezeigten Flopp.

„Ich mache Kino in der Provinz, aber kein Provinzkino!“ Auf die Unterscheidung legt sie Wert – und bekommt für ihr vielseitiges Programm teilweise schon seit Jahrzehnten Preise vom Land Rheinland-Pfalz und auch der Staatsministerin für Kultur und Medien beim Bund. „Manchmal denke ich: Du bist ein Klugscheißer“, schmunzelt Christine Runge, wenn sie an den selbstgewählten Auftrag als ambitionierte Filmbeauftragte von Hillesheim denkt. Der erfolgreichste Film bisher? Da gab es einige, zum Beispiel „Die mit dem Bauch tanzen“. Ein Dokumentarfilm über eine Frauenbauchtanzgruppe aus der Nordeifel. „Wir hatten am Startabend bundesweit die besten Besucherzahlen.“ Art-House-Kino war das nicht – aber gut gelaunt, schräg und authentisch. Das mochte ihr Publikum, und die Fachfrau freute sich.

Ausverkauft: Christine Runge in ihrem Kino.

Ausverkauft: Christine Runge in ihrem Kino.

Aus einem Umkreis von gut 50 Kilometern reisen die Kinofans nach Hillesheim. Hier sehen sie, was sie sonst – vielleicht – nur in Köln, Aachen oder Trier sehen könnten. Doch bei Runge kostet die Kinokarte für den Hauptfilm – ohne Sonderlänge – nur sieben Euro. Auf allen Plätzen. Und wenn nur Einer kommt? „Dann zeige ich den Film trotzdem. Tue ich es nicht – der kommt doch nie wieder!“

INFO:
Das Kinoprogramm der Eifel-Film-Bühne steht online unter: Eifel-Film-Bühne
Kartenreservierung, keine Platzreservierung über: eifel-film-buehne@t-online.de

Und wer noch mehr über die Geschichte des Kinos erfahren möchte: The Story of Film – Die Geschichte des Kinos

 

mm
Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

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