Die Blaumänner der Landfrau

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Manche Dinge vermisst man erst dann, wenn es sie nicht mehr gibt: Zum Beispiel die legendäre „Kittelschierz“, die auch in den Dörfern der Eifel die übliche Alltagsbekleidung der Hausfrauen war und wie das „Kittelkleid“ zum Straßenbild auf den Dörfern einfach dazu gehörte. Das ist heute eine Rarität.

„Die Älteren, ab Ü70, tragen es schon noch. Die Generation, die damit aufgewachsen ist, findet es einfach praktisch!“ Brigitte Willems muss es wissen. Sie ist langjähriges Mitglied  im Landfrauenverband Daun, der 1400 Mitglieder hat, Tendenz stabil! „Es“ ist in der Regel fein geblümt, in Hellblau, in Rosa Geschmackssache, mit allenfalls kurzen Armen, vorne geknöpft – und der bekannteste Blaumann der Landfrau: Das „Kittelkleid“, wie es auch in der Eifel früher üblich war.

Auf der Suche nach dem – vermutlich – Kuriosum aus heutiger Hausfrauensicht kommt es in Oberstadtfeld zum Recherchetermin. Ein Mitglied des Landfrauenverbandes Vulkaneifel hat sich bereit erklärt, mitsamt ihrer „Kiddelschierz“ Rede und Antwort zu stehen. Und damit die Sache rund wird, ist auch Silke Hayer, Jahrgang 1969, mit dabei, die das gute, alte  Alltagsbekleidungsstück aus Sicht der mittleren Generation beurteilen soll.

Über Knie lang – kürzer war „unzüchtig“
Christine Schmitz fühlt sich etwas unwohl, ein bisschen wie im Freilichtmuseum kommt sie sich wohl vor: Sie hat seit ihrer „Schulzeit immer eine Kiddelschierz“, die genauer das „Kittelkleid“ ist. Doch zu dem Widerspruch später. So um die 50 dürften es im Landfrauenleben der 81-Jährigen mittlerweile gewesen sein. Ein Kleid, früher aus Baumwolle, heute aus Mischgewebe, einfarbig, einfaches Muster, vorne geknöpft, knapp über Knie lang – „kürzer wäre damals unzüchtig gewesen“, so Brigitte Willems. Keine Arme, weit und bequem geschnitten, zwei Seitentaschen: „Das ist die Kiddelschierz“, sind sich Schmitz, Willems und Hayek sicher.

Und sie irren! „Die Kittelschierz ist eine wirkliche Schürze, meine Oma hat sie noch getragen“, erinnert sich Hannelore Blameuser aus einer alten Eifeler Dynastie in Steffeln stammend. Die Schierz, nicht das Kleid, sei meist dunkel, auch schon mal schwarz gewesen. Waden lang. In der mit breiten Trägern am Rücken geknoteten weiten Schierz sei alles nur Mögliche transportiert worden: Obst, Gemüse, Einmachgläser aus dem Keller – einfach an den Enden zusammengerafft, fertig ist der Tragebeutel.  „Und in den Seitentaschen hatte meine Oma schon  mal ein paar Pfennige für uns Kinder dabei“, so Blameuser. Die Bäuerin trug dazu im Sommer ein Kopftuch – das auch ein geknotetes Stofftaschentuch sein konnte.

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Die „Neue“ vom Krammarkt
Heimatforscher Joachim Schröder aus Pronsfeld bestätigt den Unterschied: Das den Namen wirklich verdienende Modell der Kittelschierz gebe es schon seit mehr als 100 Jahren nicht mehr und hatte sich möglicherweise aus der ländlichen Tracht heraus entwickelt. Die Kleid-Variante gleichen und irreführenden Namens, die auch Christine Schmitz aus Oberstadtfeld trägt, löste es wohl seit Ende des 1. Weltkriegs allmählich ab, schätzt Schröder.

Christine Schmitz stören solche Definitionsversuche nicht. Ihre „Kiddelschierz“ ist jedenfalls das, was sie schon immer war, ein Kleid, das auch schon ihre Mutter „morgens an, und abends ausgezogen haben“: Für den Haushalt, Feld-, Garten- und Stallarbeit, beim Kochen, Putzen. Bei Festen oder der Kirmes gab es die Feiertagsvariante in Weiß. „Nur in der Kirche wurde sie nie getragen, allenfalls unter dem Mantel.“

Silke Hayer (links) würde kein Kittelkleid tragen, Christine Schmitz, tut es seit ihrer Schulzeit.

Silke Hayer hört Christine Schmitz in Oberstadtfeld fasziniert zu: „Ich habe mir höchstens mal eine von meiner Mutter für den Karnevalssketch in Steinborn ausgeliehen. Sie würde den bewährten traditionellen Helfer nie tragen: „Im Haushalt bevorzuge ich eine ältere Jeans mit Hemd oder Pullover, und in meiner Freizeit bequeme Kleidung.“

Christine Schmitz jedenfalls trägt – ob Kleid oder Schierz – ihren Kittel weiterhin. Ist die eine Schierz kaputt und nicht mehr zu nähen, kauft sie eben wie immer auf dem Krammarkt im nahen Daun eine Neue. Wäre Oma Schmitz Online, ginge es auch übers Netz. Früher hat man sie auf den Dörfern auch bei Fahrenden Händlern erstehen können, wird zum Beispiel aus Gillenbeuren bei Ulmen berichtet. „Das kostet so um die 20 Euro, früher Mark. Teuer war die Schürze ja nie“, meint Schmitz: „Wenn ich keine mehr hätte, würde mir was fehlen!“

Titelbild: Drei aus Gillenbeuren. Foto: Dorothea Kirsch

mm
Endlich Eifel – wegen der vielen Facetten, die für mich die liebenswerte Eifel ausmachen. Maare, Felsenlandschaften, wunderschöne endlose Wälder. Eine wertvolle einzigartige Kulturregion mit bedeutenden historischen Klöstern, Burgen, idyllischen Orten mit guter regionaler Küche. Über all das lohnt es sich zu erzählen.

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