Historischer Streit um das Haupt der heiligen Anna in Düren

Von in Coole Orte, Tourismus
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Von einem Eifelstädtchen erwartet man als unbedarfter Fremder Idylle, enge Gässchen, alte Häuser… Düren – das Tor zur Eifel – ist in dieser Hinsicht aber eine Überraschung. Die Stadt wurde im zweiten Weltkrieg zum Großteil zerstört und später modern wiederaufgebaut. Und trotzdem verbirgt sich hier auch immer noch alte Geschichte. Man muss nur genauer hinsehen als anderswo.

Die Anna-Kirche in Düren. (Foto: fotolia).

Die Kirche St. Anna war nach dem Krieg ein großer Trümmerhaufen. Der Architekt Rudolf Schwarz erhielt ab 1954 den Auftrag, die Reste zu einer völlig neuen Kirche zu ordnen. Schwarz, der im Rheinland und im Ruhrgebiet etliche Kirchen gebaut hat, wie St. Mechtern in Köln-Ehrenfeld oder St. Antonius in Essen-Frohnhausen, machte sich sehr viele Gedanken über den Weg, den Menschen in einer Kirche gehen und über ihren Aufenthaltsort, während eines Gottesdienstes. Manche seiner Kirchen wurden inzwischen wieder geschlossen, weil seine Überlegungen nicht mehr zur heutigen Gottesdienstordnung passen (und auch weil es im Ruhrgebiet viele Kirchen, zu wenige Gläubige und zu wenig Geld gibt). Aufgrund seiner Vorstellung ist die 1956 wiedergeweihte Kirche St. Anna eigentlich drei Kirchen oder sogar vier Kirchen in einer: Eine große Kirche mit Orgel, eine kleine Kirche für Andachten und Taufen, ein kapellenartigen Raum zur Verehrung der Anna-Reliquie sowie eine Kirche, die alle drei Einzelkirchen zusammenfasst, und damit Raum genug für die Wallfahrt bietet.

St. Anna, Düren, Innenansicht. (Foto: Autorin)

Die drei Kirchen sind nicht durch Wände voneinander getrennt, sondern nur durch Höhenunterschiede zwischen Andachtskapelle und großer Kirche sowie durch eine andere Raumausrichtung zum Altar bei der kleinen und der großen Kirche. Tatsächlich gelingt diese Trennung, trotz offener Bauweise. Der alten Kirche aus dem Mittelalter begegnet man nur noch im Eingangsbereich, dort betritt man den Bau durch das Südportal des gotischen Vorgängerbaus.

Natürlich gab es zur Bauzeit Proteste, denn die Dürener waren noch zu sehr vertraut mit der ehemaligen gotischen Kirche. Angeblich waren über 80 Prozent der Dürener gegen die Baupläne des Architekten Schwarz. Stattdessen wollte man viel lieber die Idee von Gottfried Böhm umgesetzt wissen, der sich mehr an einer klassischen Aufteilung einer Kirche ausrichtete. Aber der Entwurf Rudolf Schwarz hatte den ersten im Preis im Architektenwettbewerb vor allem deshalb erhalten, weil die Aufgabe der Kirche als Wallfahrtsort in seinem Plan nicht so dominant hervorsticht. Bei ihm ist Wallfahrt nur ein Teil dessen, was die Kirche als Ganzes ausmacht.

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Mittlerweile haben die Dürener den Kirchenbau und seinen ganz eigenen Charakter akzeptiert, er gehört heute zur sogenannten Straße der Moderne, die besondere Kirchbauten der letzten 100 Jahre zusammenfasst und bekannter machen möchte.

Das Anna-Haupt

In der Andachts- oder Wallfahrtskirche steht ein Schrein, gut geschützt durch dicke Gitter. Ob man Angst hat vor Räubern? Hier wird die Kopfreliquie der heiligen Anna aufbewahrt. Nicht das gesamte Haupt, sondern ein handtellergroßer Teil der Schädeldecke Annas, der Mutter Mariens, eingearbeitet in eine Büste. Die intensive Verehrung begann 1501 und dauert bis heute an – mit Festen wie Anna-Oktav und Annakirmes.

Der Annaschrein. (Foto: Autorin)

Wie kam der Teil des Schädels ausgerechnet nach Düren?

Ursprünglich war die Reliquie mit der Büste in der Mainzer Stiftskirche St. Stephan beheimatet, 1212 hatten Kreuzfahrer sie aus Bethlehem mitgebracht. Das Reliquiar wurde in St. Stephan in einer Wandnische hinter dem Hochaltar aufbewahrt. Ein Steinmetz namens Leonhard hatte den Auftrag, diese Nische neu zu gestalten. Er fand Gefallen an der Büste und stahl sie nachweislich am 29.11.1500 aus der Mainzer Stiftskirche. Der Grund hierfür ist unklar und auch warum er zahlreiche Votivgaben zurückließ, blieb unbekannt. Offenbar hat Leonhard versucht das Anna-Haupt in Andernach und in Köln unterzubringen. Aber die Anna-Bruderschaften dort nahmen die Reliquie nicht an. Also nahm Leonhard die Reliquie erstmal mit nach Hause – nach Kornelimünster. Auf Drängen seiner Mutter brachte er das Haupt dann zu den Franziskanern nach Düren. In einer anderen Version heißt es, dass der Abt von Kornelimünster die Reliquie nach Düren weitergab. Von Leonhard hören wir später nur noch, dass er am Bau der dortigen Anna-Kirche mitgearbeitet hat.

Bestraft wurde der Steinmetz für seinen Diebstahl nie – schließlich war es kein richtiger Raub, sondern vielmehr göttliche Eingebung… Den Mainzern fiel erst Wochen später auf, dass in der Stiftskirche etwas fehlte. Sie sandten eine Delegation nach Düren, um das Anna-Haupt zurückzuholen. Und zunächst haben die Dürener die Reliquie auch freiwillig zurückgegeben. Doch die Rückführung blieb nicht ohne Ärger…

Die Dürener Bevölkerung erzwang die Herausgabe der Reliquie

Der Streit um die Rückgabe der Reliquie wurde vor Kaiser und Papst ausgetragen und schließlich für Düren entschieden. Die Begründung war, dass sich in der kurzen Zeit in der das Anna-Haupt in Düren war, bereits eine lebhafte Verehrung entwickelt hatte. Die Annakirmes gibt es genau seit dieser Zeit, seit 1501! Ganz anders als das in Mainz gewesen war, wo niemand Anna richtig beachtete. Das lag nicht an den Mainzern, es gab genaue Regelungen welche Reliquien verehrt werden durften und welche nur bewahrt wurden. In Düren verselbständigte sich die Verehrung und führte dazu, dass der Papst schließlich die Mainzer zu immerwährendem Stillschweigen verdonnerte.

Die Martinskirche in Düren wurde zur Anna-Kirche, der Markt anlässlich der Wallfahrt ein großes Volksfest. In diesem Jahr findet die Annakirmes vom 28. Juli bis zum 5. August statt. Mittlerweile ist die Veranstaltung das größte Volksfest in der Region. Ein wesentlicher Teil der Annakirmes ist seit 1974 das Kirschkernweitspucken. Entstanden aus einer Schnapsidee kommen zu dem Wettbewerb am Eröffnungstag der Kirmes mehrere tausend Besucher. Der Steinmetz Leonhard brachte also in einem unbedachten Moment die Wilde Maus, Kirschkernweitspucken und die Miss Annakirmes nach Düren!

Mehr über Düren und die Region gibt es hier.

mm
Als Kunsthistorikerin, Stadtführerin in Köln und Reiseleiterin bin ich immer wieder auch in der Region zwischen Trier und Köln unterwegs. Mich faszinieren besondere Orte, die man in der Eifel oft ganz überraschend finden kann.

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